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GORE-TEX Blog

Juni 22, 2018

„Ich laufe wie ein Diesel“

Bis vor drei Jahren war Daniel Jung als Mountainbiker sehr erfolgreich. 2015 wechselte der Südtiroler die Disziplin und tauschte Bike gegen Laufschuhe. Mittlerweile gehört der 34-jährige Multisportler zu den besten Trailrunnern der Welt. Johanna Stöckl hat den Neuzugang in der GORE-TEX Athletenfamilie zu einem Interview getroffen.

„Ich laufe wie ein Diesel“

Du bist in Schlanders geboren, lebst jetzt in der Nähe von Naturns. Wie sehr haben die Südtiroler Berge dein Leben als Mensch aber auch Sportler geprägt?
Daniel Jung Mit meinem Großvater, der als Senner und Kuhhirte gearbeitet hat, war ich schon als Kind viel in der Südtiroler Bergwelt unterwegs. Ich habe die Liebe zu den Bergen also sehr früh entdeckt bzw. sie wurde mir mehr oder weniger in die Wiege gelegt.

Heißt folglich, du warst von Kindesbeinen an schon geländetauglich?
(Lacht) Ja, ich bin bereits als kleiner Bub über Stock und Stein gelaufen. Immer den Kühen hinterher, die – wie man weiß – ja nicht immer die direkteste Linie wählen. Spaß beiseite: Ich glaube tatsächlich, dass ich heute als Sportler von meiner Kindheit in den Bergen profitiere.

Als Trailrunner bist du ein Spätberufener. Bis vor ein drei Jahren warst du Mountainbiker und hast sehr erfolgreich entsprechende Wettkämpfe bestritten. Wie kam’s zum Wechsel?
(Lacht) Ich wechsle die Sportart nicht zum ersten Mal. Ab dem 7. bis zu meinem 21. Lebensjahr habe ich leidenschaftlich Fußball gespielt. Es folgte eine Art Auszeit, in der vorübergehend andere Dinge wichtiger waren: Ausgehen, Mädels, Party. Nachdem sowohl mein Vater als auch mein Bruder seinerzeit viel mit dem Mountainbike unterwegs waren, wollte ich diesen Sport auch einmal ausprobieren, fand gleich Gefallen daran und war nach kurzer Zeit bereits ziemlich erfolgreich. Nach etwa 10 Jahren allerdings mangelte es mir an Leidenschaft, war das Feuer gewissermaßen erloschen. Ich brauchte eine Pause vom Mountainbiken und schnürte die Laufschuhe. Trailrunning hat mich auf Anhieb fasziniert. Die Freiheit an diesem Sport kommt mir sehr entgegen und begeistert mich.

Wenige Regeln, kaum Funktionäre, keine Schiedsrichter, keine angelegten Spielstätten … euer Sportplatz ist die Natur. Ist Trailrunning ein Freestyle-Sport?
Exakt. Das alles macht den Reiz aus. Beim Mountainbiken bist du auf entsprechende Wege angewiesen. Wird’s alpiner, musst du Schieben oder Tragen. Beim Trailrunning hingegen gibt es, gerade wenn man gerne in technisch anspruchsvollem Terrain unterwegs ist, kaum Grenzen. Du gestaltest deine Routen selbst, wirst nicht von einem Trainer am Spielfeldrand überwacht etc. Trailrunning ist eine der wenigen Sportarten, bei denen man ganz alleine darüber entscheidet, wo es langgeht. Im Sport nenne ich das die maximale Freiheit.

Du bist erst seit drei Jahren Trailrunner und gehörst bereits zur Weltspitze. Profitierst du beim Laufen von deiner langjährigen Erfahrung als Mountainbiker?
Ich denke schon. Durch das Radfahren konnte ich eine starke Muskulatur und Ausdauer aufbauen, wodurch ich beim Laufen im steilen Gelände heute einfach schneller bin. Im Flachland hingegen ist diese Muskulatur eher störend und macht einen langsamer. Zudem finde ich beim Laufen bessere Linien, weil ich das Gelände schon als Mountainbiker gut lesen können musste. Außerdem glaube ich, dass ich von der Vielseitigkeit in meiner sportlichen Laufbahn profitiere. Wer 15 Jahre lang ausschließlich läuft, belastet auf die Dauer einseitig und verliert vielleicht den Spaß, die Begeisterung an der Sache.

Welche Distanzen, welche Trails liegen dir? In welchem Gelände bist du besonders schnell?
Technisch anspruchsvolle Läufe zwischen 50 und 120 Kilometer liegen mir am besten. Je steiler, umso besser. Meine Stärke ist Downhill. Rennen unter 50 Kilometer sind mir zu kurz bzw. zu schnell. Ich muss – ähnlich wie ein Dieselmotor – erst einmal in Fahrt kommen. Wenn die Maschine allerdings einmal richtig läuft, kann ich über lange Distanzen ein gutes Tempo halten. Extreme Läufe, die über mehrere Tage gehen, sind nichts für mich. Mein Limit liegt etwa bei 160 Kilometern und 10.000 Höhenmetern. Diese Distanz werde ich im nächsten Jahr einmal versuchen.

Dein bisher längster Lauf?
121 Kilometer, 7.500 Höhenmeter, 17,5 Stunden beim Südtiroler Ultra Skyrace .

Kann man an der Weltspitze angekommen vom Trailrunning leben?
Wenn überhaupt Preisgelder ausgerufen werden, dann sind diese sehr gering und decken maximal die Reisekosten. 2018 ist das erste Jahr, in dem ich mit Sponsorengeldern größtenteils meinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Trotzdem muss ich im Nebenjob noch als Bike-Guide und Saunameister arbeiten, was mir allerdings auch Freude bereitet. Vielleicht gelingt es mir in Zukunft zu 100 Prozent von meinem Sport zu leben.

Ihr müsst die Reisen zu den einzelnen Rennen aus eigener Tasche finanzieren?
Bei einigen wenigen Veranstaltungen, die sich erst etablieren müssen, werden die Top-Starter eingeladen. Bei gut gebuchten Weltcups hingegen gibt es kaum Unterstützung, weil ohnehin genug Top-Läufer starten. Um es auf den Punkt zu bringen: Am Ende des Jahres bleibt mir kein Geld übrig.

Faszination Ultra – Was reizt dich an dieser Schinderei?
Als ich mit dem Trailrunning begonnen habe, hatte ich größten Respekt vor meinem ersten 40 Kilometer Lauf. So etwas machen nur Verrückte, dachte ich. Bald spürte ich, wie sehr mir lange Distanzen entsprechen. Also habe ich meinen ersten Ultramarathon ausprobiert und mich auf Anhieb sehr wohlgefühlt. Bei einem Ultra lernst du deinen Körper kennen. Es ist – nicht nur topografisch, auch körperlich – ein einziges Auf und Ab. Mal geht’s dir dreckig, dann wieder super. Dieses Wechselbad hat was. Außerdem ist es faszinierend zu spüren, wozu dein Körper aus eigener Kraft fähig ist. Ich mag es auch vom Tag in die Nacht bzw. durch die Nacht zu laufen. Ein Ultra gibt dir auch die Zeit gelegentlich nach links und rechts zu schauen und die traumhafte Kulisse, in der man sich bewegt, zu genießen.

Genuss heißt: Auch mal anhalten und ein Foto machen?
(Lacht) Fotos schieße ich im Rennen zwar keine, aber die Landschaft kann ich sehr wohl genießen. Bei kurzen Läufen geht das nicht. Da heißt es ab dem Start nur Vollgas! Und weil ich das Ambiente so genieße, trete ich gerne bei neuen Ultras an. So lerne ich neue Regionen auf allen Kontinenten und dabei auch noch nette Menschen kennen. Wir Trailrunner bilden eine sehr enge Community. Ich habe viele gute Freunde in der Szene. (Lacht) Was die Renndistanzen betrifft, folge ich strikt meinem Grundsatz: Der Lauf muss länger dauern als die Anreise.

Stichworte Training, Regeneration: Wie schützt du deinen Körper bei all den Strapazen vor Verletzungen bzw. Überbelastung?
An Trainingspläne halte ich mich nicht. Wonach ich mich jedoch richte: Ich höre auf meinen Körper. Gerade beim Training. Geht’s mir mal nicht so gut, trete ich kürzer oder drehe im Extremfall auch mal um. Beim Training achte ich auf Vielseitigkeit und Abwechslung. Ich fahre nach wie vor Mountainbike, gehe Schwimmen, regelmäßig in die Sauna, im Winter auf Skitour, zum Hallenklettern, gehe einmal die Woche zum Pilates-Training. Ich trainiere also den ganzen Körper, nicht nur die Muskulatur, die man beim Laufen braucht. Natürlich mache ich auch Stabilisationsübungen, trainiere mein Gleichgewicht und bereite meine Sehnen schonend auf harte Bergläufe vor. Richtige Nahrungsergänzung ist ebenfalls sehr wichtig. Über normale Ernährung kann man das, was man verbraucht hat, dem Körper gar nicht mehr zuführen. Man muss sich von einem Arzt beraten und kontrollieren lassen.

Sind Südtiroler Speck, Knödel und Wein mittlerweile von deinem Speiseplan gestrichen?
Ich verbiete mir nix und manchmal lauf’ ich bewusst eine Stunde länger, damit ich mir nachher ein paar Knödel mehr gönnen kann. Ich esse alles, was man sich nur vorstellen kann. Speck, Knödel, Pasta, Pizza, Schokolade, Chips bis hin zu Junk-Food. Ich behaupte: Mein Körper zieht auch aus ungesundem Essen Energie und braucht dieses hochkalorische, ungesunde Essen sogar.

Was macht Daniel Jung im Winter?
Ich lebe im Vinschgau, wo man auf den sogenannten Sonnenbergen, wie dem Naturnser Sonnenberg, dem Latscher Sonnenberg auch im Winter laufen kann. Der Boden dort gefriert praktisch nie und der Schnee hält sich nicht lange. Ich kann also ganzjährig Laufen und Biken, gehe aber auch Langlaufen oder auf Skitour.

Letztes Jahr hast du den Berliner Höhenweg (94 km, 7000 Hm) in einer Rekordzeit von 18 Stunden und 11 Min absolviert. War das ein privates Projekt?
Der Berliner Höhenweg ist ein steiler, extrem technischer Trail und war ein schönes, langes Training. Ich muss meinen Körper ja auf die langen Läufe in den Wettkämpfen vorbereiten. Kannst ja nicht 10 Stunden lang den Sonnenberg rauf- und runter rennen! Also laufe ich gerne Rundwanderwege wie den Vinschger Höhenweg, den Meraner Höhenweg. Im Zillertal wollte ich meinen Kumpel Peter ohnehin schon längst einmal besuchen und ein paar Tage Urlaub machen. Da kam mir der Berliner Höhenweg in den Sinn. Also hab’ ich die Auszeit bei guter Wetterlage mit einem persönlichen Projekt verbunden. Dieses Jahr planen wir gemeinsam mit GORE-TEX ein größeres Vorhaben. Zum jetzigen Zeitpunkt will ich darüber aber nicht mehr verraten. Einfach loslaufen, soweit einen die Füße eben tragen – ganz ohne Wettkampfstress. Herausforderungen dieser Art liebe ich.

Dein Wettkampfplan für 2018? Wie viele lange Rennen sind überhaupt machbar pro Saison?
Im letzten Jahr, das gebe ich unumwunden zu, habe ich wohl zu viele Ultras, etwa einen pro Monat, bestritten. Im Winter spürte ich, dass ich übertrieben hatte. Ich habe die Konsequenzen daraus gezogen und starte dieses Jahr nur zwei- bis dreimal über 100 Kilometer. Die anderen Rennen sind zwischen 50 und 75 Kilometer. Dieses Jahr trete ich also kürzer. (Lacht) Dafür laufe ich dann schneller!

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