11, 88, 2926, 163485
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Holger Schulze ist der einzige Läufer, der alle 88 Etappen des GORE-TEX Transalpine-Run mit seinem Teampartner zu Ende lief. Ein Ende ist nicht in Sicht.


Es sind beeindruckende Zahlen, die Holger Schulze seinen „Track-Rekord“ nennen kann, und es sind einzigartige Zahlen: Kein anderer Läufer hat jeden GORE-TEX Transalpine-Run mitgemacht (11), dabei jede einzelne Etappe mit seinem Teampartner zu Ende gelaufen (88) und exakt 2.926 Kilometer und 163.485 Höhenmeter bewältigt.

Rückblende, Frühjahr 2005: Im September feiert der GORE-TEX Transalpine-Run Premiere. In acht Tagen mit einem Teampartner „laufend“ die Alpen überqueren, das hat es bis dato nicht gegeben. Zuversicht und Vorfreude allerorten, doch auch ein paar Rest-Zweifel bleiben: Überfordern wir die Teilnehmer? Gibt es überhaupt genug „Verrückte“, die sich das antun wollen? Die Anmeldungen laufen zunächst schleppend, also versuche ich, mir bekannte Läufer zu motivieren, dieses Wagnis einzugehen. Einer davon ist Holger Schulze, Finanzchef unserer damaligen PR-Agentur. Ich wusste nur, dass Holger ein ambitionierter Straßenläufer ist und fragte ihn, ob der GORE-TEX Transalpine-Run nicht mal was Anderes als das Tempobolzen auf Asphalt sei. Doch Holger wollte davon nichts wissen. „Ich war damals Bergwanderer und Marathonläufer, der GORE-TEX Transalpine-Run schien mir so weit weg wie der Mond“, erinnert er sich heute. Doch ich ließ nicht locker, und beim zweiten Anlauf konnte ich ihn tatsächlich überreden. Doch Holger, der Marathon-Mann, blieb vorsichtig – und startete mit seinem Partner Lothar Schiller in der Nordic-Walker-Klasse. Das gab es damals tatsächlich! Mit klobigen Trekkingschuhen an den Füßen und Stöcken in den Händen stiefelte er gehend über die Alpen, von einem „Run“ war da noch nichts zu sehen. Holger nennt es ein „Experiment.“ Doch er finishte und hatte Blut geleckt, und seitdem wurde der Transalpine-Run ein fixes Datum in seinem Kalender. Holger hatte wechselnde Partner, lief in der Männer-, Mixed- und Masterklasse, und vor allem: Er wurde dabei immer schneller.

Vom Nordic Walker auf das „Stockerl"

Holger Schulze beim Transalpine-Run
Riesenerfolg: Holger und Roland werden Gesamtdritte beim GORE-TEX Transalpine-Run 2010

6. September 2010, 3. Etappe von Kitzbühel nach Neukirchen am Großvenediger; Holger startete mit seinem Partner Roland Schindele auf Platz vier der Masterwertung liegend in die 45 Kilometer lange Etappe. Ich selbst lief damals als Sponsor außer Konkurrenz mit, hatte einen super Tag erwischt und konnte ein paar Kilometer vor dem Ziel zu den beiden aufschließen. Kurzerhand beschlossen wir die Etappe zusammen zu Ende zu laufen. Nach dem Überqueren der Ziellinie kommt Moderator Sven auf uns zu und beglückwünscht die beiden freudestrahlend zu ihrem dritten Platz in der Masterwertung! Freilich: Der Abstand zu den Siegern war groß, aber vom Nordic Walker auf das „Stockerl“, solch eine Karriere muss man erstmal schaffen. Die beiden gaben diesen dritten Platz dann auch nicht mehr ab und wurden sensationell Gesamtdritte des GORE-TEX Transalpine-Run 2010.

Überhaupt, die Geschichte mit Roland, seinem Laufpartner: Wenn man Holger fragt, dann schwärmt er von Roland in den höchsten Tönen. „Der Roland ist menschlich einfach ein unglaublich feiner Kerl.“ Und so entwickelt sich eine Laufpartnerschaft, die sechs Jahre am Stück halten sollte. „Es gab nie Reibereien, unser Leistungsniveau ist ähnlich, war ich mal in einem Jahr der Stärkere, dann war er es im anderen Jahr.“ Und so schafften es die beiden Jahr für Jahr, jeden Transalpine-Run zu finishen, zwar nicht mehr auf dem Podium, aber doch in der Regel unter den Top Ten. Roland hat mittlerweile auch schon neun Starts und damit 72 Etappen unter den Stollen, aber Holger ist bis heute der einzige Läufer, der jede der 88 Etappen gestartet und mit seinem Teampartner gefinisht hat – eine Leistung, die man gar nicht hoch genug bewerten kann. Ich selbst konnte zum Beispiel nur zwei GORE-TEX Transalpine-Run mit einem Teampartner finishen, viermal sind die Partner leider verletzungsbedingt ausgefallen.
Holger Schulze
Die Finisher-Zigarre hat Holger immer im Gepäck. Bisher konnte er sie schon 11 Mal anzünden

Der Transalpine-Run ist einfach eine andere Welt


Vielleicht liegt das Geheimnis von Holgers Konstanz darin, dass sein Wettkampfkalender nur sehr spärlich gefüllt ist. Denn während viele Trailläufer und Transalpine-Runner ihre Saison mit zig Wettkämpfen vollstopfen, bleibt Holger seinem Rhythmus treu: über den Winter die Grundlage schaffen, um ein bis zwei Marathons im Jahr sowie den GORE-TEX Transalpine-Run im Herbst zu schaffen. Und der hat es ihm einfach angetan: „Das ist eine andere Welt. Man denkt nicht ein einziges Mal an den Job oder das allgemeine Weltgeschehen, sondern beschäftigt sich im Wesentlichen nur mit dem Laufen, der fantastischen Natur und der Regeneration des Körpers.“

Was mir damals, zu Beginn von Holgers Transalpine-Laufbahn, gar nicht bewusst war: Holger ist ein richtig starker Marathonläufer. Von seinen 18 Marathons hat er seit 2007 jeden unter 3 Stunden gefinisht, die Bestzeit liegt bei mittlerweile 2 Stunden und 44 Minuten. 2015 hat er gar nach dem GORE-TEX Transalpine-Run noch den Berlin- und München-Marathon drangehängt – innerhalb von zwei Wochen! Da wundert es kaum, dass er sogar beim „Wings for Life Run“ 2015 mit erreichten 57,4 Kilometern drittbester deutscher Läufer wurde und weltweit gar 68. – bei über 70.000 Teilnehmern!

Aber solche Läufe bleiben die Ausnahme, der Ablauf ist sonst ziemlich klar, auch was seinen Jahresurlaub angeht: Jedes Jahr vier Wochen Backpacking: mit kleinem Rucksack, ohne Plan und Buchung in entfernte Länder reisen. „Ich gehe zwar stramm auf die 50 zu, aber diese Art Urlaub fasziniert mich weiterhin. Neue Länder kennen lernen, neue Kulturen, neue Sprachen, das macht den Reiz des Reisens für mich aus.“ Und so führten ihn die letzten Urlaube in entfernte Länder wie Laos und Kambodscha, nach Indien, Nepal, Australien, Costa Rica und Thailand; die Azoren klingen da fast schon wie Heimaturlaub. Übrigens: Gelaufen wird in diesen vier Wochen traditionell nicht.

Einen Trainingsplan hatte ich noch nie


Und während viele Läufer jetzt im Winter penibel ihre Trainingspläne ausarbeiten, verlässt sich Holger ganz auf seine Laufroutine. Und die heißt erstens: Verzicht auf einen Trainingsplan („hatte ich noch nie“), zweitens: Regelmäßigkeit ist wichtiger als Umfang („mindestens 50 Kilometer pro Woche“), und drittens: „Im Winter auf einen Frühjahrsmarathon trainieren ist die beste Grundlage für den Transalpine-Run im Herbst.“
Holger Schulze
Ein weiterer Meilenstein: 2015 wurde Holger drittbester Deutscher beim „Wings for Life Run"

Und den wird er 2016 das erste Mal seit sechs Jahren nicht mit Roland laufen. „Roland ist beruflich so eingespannt, dass er für 2016 nicht so viel trainieren kann wie er gerne würde. Auch das passt zu ihm: er glaubt, dass er nicht so schnell laufen kann wie ich, und möchte deswegen nicht einbremsen.“ Holger ist also noch auf der Suche nach einem passenden Partner. Seine direkte Vorbereitung ist auf jeden Fall gesichert: als einer von fünf Teilnehmern, die mindestens zehn Mal am GORE-TEX Transalpine-Run teilgenommen haben, bekam er vom Veranstalter einen Trip zum „Transrockies Run“ spendiert, ein 6-tägiger „stage-race“ in den US amerikanischen Rocky Mountains. „Und darauf freue ich mich schon riesig!“