Anleitung zum Alleinesein: Das Wie ist der Weg
Im Juli 2018 unternahm Robert Jasper eine Expedition zu einer Felswand in Grönland, um dort eine neue Route zu erschließen. Das besondere daran: Er war alleine unterwegs – mit dem Kajak, zu Fuß und kletternd in einer riesigen Granitwand. Das Klettern war das Ziel, aber das Wie die Motivation: Alleine. Solo. Alle Zeit für sich. Alle Anstrengungen, alle Ängste, alles Glück. Wie kommt man auf so eine Idee und wie bereitet man sich darauf vor? Wir haben bei dem Extrembergsteiger nachgefragt.


Robert, bei der Arc'teryx Alpine Academy 2018 in Chamonix hast Du ein Seminar zum Thema Expeditionsplanung geleitet („Insights on modern expedition planning by fair means"). Erzählst Du uns bitte in diesem Blog, auf was es dabei ankommt? Was muss man generell beachten?

Unter einer „modernen Expeditionen by fair means“ verstehe ich, dass man vom letzten Ort der Zivilisation aus eigener Kraft mit möglichst wenig technischen Hilfsmitteln unterwegs ist. Vielleicht sogar im kompromisslosesten Stil, dem Alleingang. Das sehe ich als eine Art „Königsdisziplin“. High-Tech Ausrüstung macht es uns im wörtlichen Sinne immer „leichter“, mit sehr reduzierter, aber trotzdem verlässlicher Ausrüstung unterwegs zu sein. Hochfunktionelle Gore-Tex Bekleidung, super stabile Teile aus Carbon, immer leichtere Kletterausrüstung und kleine, leistungsfähige Navigations- und Kommunikationstools helfen dabei natürlich enorm – egal, ob man nun alleine oder im Team unterwegs ist. Mir persönlich ist aber die Reduktion auf das absolut Notwendige sehr wichtig. Nicht das geografische Ziel ist das eigentliche Expeditionsziel, sondern das WIE auf dem Weg dorthin. Theoretisch könnten wir ja auch mit dem Hubschrauber auf den Gipfel fliegen. Dann wäre der Weg easy, das Abenteuer für mich als Bergsteiger aber gleich null! Abenteuer ist der Schritt ins Unbekannte. Dort kann man Neues entdecken: in der Natur, in anderen Kulturen oder bei sich selbst.

Auf was muss man besonders achten, wenn man alleine unterwegs ist?

Man muss auf alles ein wenig mehr achten, als wenn man im Team unterwegs ist und man sich die Aufgaben teilen kann. Außerdem hast du keinen, der nochmal drauf schaut und dich warnen kann, wenn was falsch läuft. Partnercheck fällt aus, den muss ich quasi selbst für mich übernehmen. Also: Objektive Selbsteinschätzung, viel Erfahrung, bedachte Wahl des Ziels, gewissenhafte Vorbereitung und Training und natürlich Risikomanagement! Bei der Planung des Ziels solltest du immer deutlich unter deinem absoluten Limit bleiben, denn in der Realität kommt oft manches anders als man denkt. Risikoeinschätzung und -management sind für mich deshalb sehr wichtig, da man aus verschiedensten Umständen schnell an die Grenze kommen kann. Wenn du dann nicht weißt, was zu tun ist, ist das schlecht. Es hilft, verschiedene Szenarien vorher durch zu spielen – theoretisch und praktisch. Beim Kajakfahren zum Beispiel sollte man wissen, wie es sich anfühlt, mitsamt der Ausrüstung in kaltem Wasser gekentert zu sein. Oder kann man sich auch mit gebrochenem Bein eine Felswand abseilen? Wenn der Sturm das Zelt zerfetzt hat, ist es hilfreich, zu wissen, wie man das Zelt repariert oder eben ohne auskommt. Projekte auf Messers Schneide zu planen und zu denken „ach, das wird schon gut gehen“ ist aus meiner Sicht Russisches Roulette.

Was ist das Wichtigste während der Expedition?

Einerseits hast du dir ja hoffentlich einen guten Plan zurecht gelegt, mit deiner Erfahrung gewissenhaft geplant, dich gut vorbereitet und trainiert! Auf einer richtigen Expedition verlässt Du aber den bekannten Pfad, schaust über den Tellerrand hinaus und begibst dich ins unbekannte Neuland. Ohne dieses „exploring“, also entdecken von Neuem, ist es für mich keine echte Expedition. Wenn man die Komfortzone verlässt, ist es wichtig, sensibel und offen für Neues zu sein, um auf Unvorhergesehenes reagieren zu können oder noch besser, es vorherzusehen! Das bedeutet, man muss unterwegs ständig wach sein für die Natur, deren Schönheit und Gefahren. Je mehr Erfahrung man gesammelt hat, desto besser kann man den Weg, den man geplant hat, entsprechend anpassen und optimieren.

Was empfiehlst Du jedem, der alleine in der völlig abgeschiedener Wildnis unterwegs sein will? Einerseits zum Wandern oder einfach nur Draußensein, andererseits zum Solo-Klettern?

Kleine Schritte machen, das heißt, die Ziele stufenweise steigern und auch genügend Lehrzeit einplanen! Das bedeutet, erst mal zusammen mit Profis (z.B. Bergführern) unter Anleitung Touren oder Expeditionen zu unternehmen. Wenn man genügend Erfahrung hat, immer vorsichtig und bewusst unterwegs sein, sich im Vorfeld Gedanken über mögliche Gefahren und Risiken machen. Eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein mit reichlich Respekt und Demut ist eine gesunde Mischung. Man muss gelernt haben, was Umkehren bedeutet. Und ein Gefühl entwickelt haben, wann Umkehr (noch) möglich ist.

Risikomanagement bedeutet einerseits, Risiken zu mindern. Natürlich ist es immer am besten, gar nicht erst in Not zu geraten. Wenn man in die Wildnis aufbricht, sollte man allerdings für Notfälle gewappnet sein. Es ist wichtig, Sicherheitsbackups einzuplanen. Dazu gehört zum Beispiel die Mitnahme von Satellitentelefon oder Notruf-Messenger, aber auch, seine Zeitpläne verlässlichen Ansprechpersonen daheim oder der Polizei bzw. Rettungskräften vor Ort mitzuteilen, soweit das möglich ist.

Man muss sich aber darüber im Klaren sein, dass der Alleingang immer viel komplexer ist und auch mehr Risiken birgt, als mit einem erfahrenen Partner unterwegs zu sein, mit dem man sich gut versteht. Dafür sind auch die Erlebnisse andere: Allein erlebst Du die Natur, die Stille und dich selbst noch viel intensiver. Mach dir aber sehr, sehr ehrlich Gedanken darüber, ob du damit klar kommst! Lege jede romantische Vorstellung ab. Überlege dir gut, ob es wirklich sein muss und ob es dir das persönlich das wert ist. Das finde ich das Wichtigste.

Was war bei Deiner Solo-Expedition nach Grönland diesmal anders? Wie hast Du Dich persönlich vorbereitet?

Ich hab viele Expeditionen im Team unternommen, in den letzten Jahren auch in ganz kleinen Teams, zu dritt. Parallel bin ich aber auch immer schon viel solo geklettert, z.B die drei großen Nordwände der Alpen oder Erstbegehungen in Fels und Eis. Ich schätze diese radikale Form des Bergsteigens aus verschiedensten Gründen, auch als persönliche Herausforderung und Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln und meine Bergträume zu leben. Aber eine Expedition, viele Wochen allein in der Wildnis Grönlands, das war neu für mich. Das Alleinsein über einen sehr langen Zeitraum, das war die psychische Challenge.

Hast Du täglich mit Deiner Frau telefoniert und gewhatsappt? Wie ist der Handyempfang dort?

Nein, wir haben ab und zu uns SMS geschickt, so ca. zweimal in der Woche, man hat ja auch nur sehr begrenzten Empfang über Satellitentelefon. Mit Familie ist es für mich aber sehr wichtig den Kontakt zu meiner Frau nicht länger abbrechen zu lassen. Ich weiß, wie hart es ist, zuhause zu sein und nicht zu wissen, wie es dem Partner am Ende der Welt geht. Ich fühle eine sehr große Verantwortung, auch und gerade, wenn ich nicht bei der Familie bin. Und da war es das mindeste neben großer Vorsicht und umsichtigem Risikomanagement, alle paar Tage ein Lebenszeichen zu senden. Tut ja auch mir gut. Man ist zwar alleine, weiß aber, dass man nicht alleine ist!

Du hast erwähnt, dass diese Deine letzte Expedition dieser Art gewesen sein könnte. Was hast Du stattdessen künftig vor?

Hab ich das? :) Wahrscheinlich hab ich nur nicht gleich das nächste Ziel in die Runde geworfen... Die Grönland Solo Expedition war für mich persönlich ein ganz besonderes, tolles Erlebnis, ein Riesenerfolg, das genieße ich auch einfach still in mir. Ich erzähle auch lieber über erlebte Abenteuer als über zukünftige Projekte. Wichtig ist für mich, nach einer gelungenen Bergtour oder Expedition und auch sonst wenn du was im Leben erreicht hast, dich auch daran zu freuen, es zu schätzen und nicht nur nach dem nächsten Abenteuer zu gieren! Klar geht es weiter, aber der Rhythmus im Leben zwischen Anspannung und Entspannung, Abenteuer, Familienleben und Genuss ist mir sehr wichtig. Expeditions- und Bergerlebnisse sind für mich die Farbe im Leben, die auch auf das Privat- und Familienleben abfärbt.

Was machst Du mit 60?

Gute Frage. Das haben mich die Leute auch schon vor meinem 50. Geburtstag gefragt... Ganz ehrlich gesagt hab ich je älter ich werde auch mehr Träume, was ich noch alles klettern möchte. Liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich sehr viel rumgekommen bin, mich besser auskenne und weiß, wo es noch lohnende Ziele oder unbestiegene Berge und Potenzial für Erstbegehungen gibt. Ich möchte im Leben nicht stehen bleiben und weiterhin meine Träume leben! Klar, du weißt nie genau, wohin dich dein Lebensweg führen wird, gesundheitlich, privat und auch auf Expedition. Das Wichtigste ist einfach, aus jedem Tag das Beste zu machen und den Moment zu genießen.

Schaue dir auch den ersten Teil unseres Interviews an, wenn Robert über die Herausforderungen des SOLO Lead Kletterns spricht.