Unterricht auf dem Dach Europas: Tamara Lunger gibt Nachhilfe bei der Arc'teryx Alpine Academy. Und man lernt selbst dazu.
So drückt man gerne die Schulbank: Mit Blick auf Mont Blanc, Mer de Glace, Aiguille du Midi oder Brévent. Arc'teryx hat seine Alpine Academy deshalb wieder in Chamonix ausgerichtet, ganz im Sinne seiner „Schüler“. Pausenhof und Lehrerzimmer lagen diesmal direkt im Zentrum der Hauptstadt des Alpinismus, die Unterrichtsorte lagen wie immer bis zu 3000 Meter höher. Wir hatten die GORE-TEX Athletin Tamara Lunger eingeladen, bei der Academy den sportlichen Eleven etwas Nachhilfe zu geben – und sie konnte auch selbst noch dazulernen. Um Hilfe anderer Art geht es bei „Art of Emotions“, welche Tamara bei ihrem Vortrag in Chamonix präsentierte.


Die neue Academy sah gut aus: Mitten in Chamonix auf dem Place Balmat wurde sie errichtet, mit überdachter Bühne, Infoständen der Sponsoring-Partner, Zlagboard-Contest, Boulderwand und Repair-Center von Gore.

Das Setup machte was her und war ein deutlicher Schritt heraus aus der Nische des Bergsports für Eingeweihte hin zu einem breiten Angebot für jeden, der sich in Chamonix aufhält und sich für Berge interessiert. Also eigentlich alle. Entsprechend gut besucht waren die Stände, es war eigentlich immer etwas los. Der Workshop am Gore Stand (die Teilnehmer konnten sich ein kleines Täschchen aus GORE-TEX Laminaten selbst zusammennähen!) war nonstop ausgebucht. Über 70 Handarbeitsunikate verließen mit ihren stolzen Nähern den Stand.

Reden wir übers Wetter

Nach einer sehr langen Schönwetterperiode war – wie immer – für das Academy-Wochenende Regen angesagt. Merde ! Zut ! Mince alors ! (Man möge dem Autor seine Lust an frankophoner Flucherei nachsehen). Schon wieder Regen. Das hatten wir 2016 zur Genüge.

Diesmal kam es aber anders und das war gut so: Die Gletscherbedingungen waren durch die extreme Hitze der letzten Wochen bescheiden geworden. Augustbedingungen im Juni, auf 4500 Metern fette Plusgrade und die Nullgradgrenze irgendwo im Weltraum, das heißt: Steinschlag, Gletscherspalten, apere Eisflanken, kurz: Ungute bis prekäre Touren- und Unterrichtsverhältnisse. Insofern kam die Schlechtwetterfront goldrichtig dahergeweht und lud oben 20 Zentimeter Neuschnee ab.


Soweit die Rahmenbedingungen der Alpine Academy 2017. Ansonsten: an allen drei Tagen jeweils rund 70 Clinics, alle betreut von Bergführern und Weltklasse Athleten. Unter ihnen auch Tamara Lunger: Die sympathische GORE-TEX Athletin mit dem ausgeprägt südtirolerischen Dialekt war von Gore als Fachkraft für alpines Gletscherterrain eingeladen worden. Gore hatte als Hauptsponsor für die eigentlich ausgebuchte AAA noch acht Tickets zu vergeben. Ruckzuck waren die Tickets an enthusiastische Bergfans verlost: Italiener, Deutsche, Schweizer, Spanier und eine Ungarin erhielten die Möglichkeit, zusammen mit Bergführern und Tamara ihr alpines Know-How zu erweitern.
Von links: Guide Julièn, Kinga (Gewinnerin), Tamara, Enrico (Gewinner), Elodie, Sebastian, Maximilian (Gewinner)

Advance your Mountain Skills

Die Leitern von Montenvers hinunter auf das Mer de Glace sind eine erste Herausforderung für Bergnovizen. Es ist beeindruckend und es ist steil. Bergführer Maël sicherte die Seilschaft ab. 130 Meter weit steigt man über einen Pfad mit Stufen, Bändern und Leitern hinunter auf den Gletscher, und jedes Jahr werden es etliche Meter mehr. Trotzdem ist das Mer de Glace wie geschaffen für einen ersten Kontakt mit der Materie Eis und wenn die Teilnehmer der Clinics ihre Pickel ins Eis droschen, wunderte man sich, dass überhaupt noch Gletscher übrig ist. Oben auf der Aiguille du Midi wurde die Sache dann schon ernsthafter. „Ups, vielleicht sollten wir den Prusik unter dem Anseilknoten machen, um zu entlasten.“ Learning by doing: Max und Enrico tüftelten an den Knoten und einem behelfsmäßigen Flaschenzug herum und „befreiten“ schließlich Tamara, die sich voll ins Seil geworfen hatte, um einen Spaltensturz zu simulieren. Sébastien, ein Mountain Guide der gemütlichen Sorte, hatte jede Menge Knoten parat, die irgendwie alle Bulin hießen, aber doch verschieden aussahen und für verschiedene Zwecke benutzt werden können. „Der gfällt mir total guad, der Knotn. Den muss i mer merkn.“ Selbst die erfahrene Tamara lernt also nie aus. „Man isch halt ein Gewohnheitstier und i mach halt au lei immer dasselbe des wos i kenn. So isch des schon interessant, wieder was Neues zu lernen“, resümierte die Südtirolerin.

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Dann wurde es Zeit, abzusteigen, denn die 8000er Frau musste noch von 3800 Metern hinunter nach Chamonix, um rechtzeitig zu ihrem Vortrag im Alpine Village zu sein. Vom Gletscherplateau zur Gondel geht es erstmal 200 Höhenmeter bergauf. Die Frau hat ein Tempo drauf und eine Schrittlänge, da wundert man sich nicht mehr, dass sie bei Trail- und Skitourenrennen so schnell unterwegs ist. Ich musste mich etwas anstrengen, um hinten am Seil nicht von ihr gezogen zu werden. In Riesenschritten eilten wir an den Seilschaften auf dem Grat vorbei, wo wie immer Stau herrschte. Kurz darauf schwebten wir hinein in die Wolken und ab ins Tal.

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„Help me to help them“

Vor einem Monat war Tamara noch auf Expedition am Kangchenjunga unterwegs, dem dritthöchsten Berg der Erde. Auf der Alpine Academy zeigte sie das erste Mal Bildmaterial vom „Kantsch“ sowie die Zeichnungen, die der Künstler Roberto Meli anhand von Telefongesprächen aus dem Basislager angefertigt hatte. Um 17 Uhr waren auch die meisten Academy-Teilnehmer zurück vom Berg und das Alpine Village war voller glücklicher Gesichter. Der Vortrag und die Zeichnungen sind direkt mit einem Charity Projekt verbunden, das Tamara am Herzen liegt: „Es gibt so viele Menschen in Nepal, denen im Notfall nicht geholfen wird, weil sie sich einen Hubschrauberflug nie im Leben leisten können. Wir können die Situation verbessern.

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Ich kenne Friends of Nepal schon lange und da weiß ich halt, dass das Geld direkt für die Hilfe von Bedürftigen verwendet wird.“ Ein schöner Anreiz, auch marginale Beträge zu spenden: Jeder Euro, der gespendet wird, ist ein virtuelles Los, mit dem man eine von nur 14 Originalzeichnungen von Roberto Meli gewinnen kann. Die Aktion startet jetzt und läuft einige Wochen lang. Am Ende verdoppelt Gore die eingegangenen Spendengelder übrigens – damit wir Bergsteiger dem Land Nepal, welches Tamara und sehr vielen anderen Reisenden so viel bedeutet, etwas zurückgeben können. Arc'teryx, GORE-TEX, Tamara Lunger: Eine Kombination, die sehr sehr viel Spaß macht – vor allem, wenn sie sich in Chamonix trifft. Hoffentlich im nächsten Jahr wieder!
Alpinistin und Moderatorin Isabelle Santoire