Atmungsaktivität – das ist, wenn Luft durchgeht, oder?
tags:
Chris musste selbst feststellen: das mit der Atmungsaktivität in Membranen versteht kein Mensch. Ein Erklärungsversuch.


In den 1990er habe ich mir mal ein Stirnband aus Fleece genäht. Der Stoff war ohne Wind- oder Wetterschutz und hochgradig luftdurchlässig. Wenn man sich das Teil vor den Mund hielt und durchblies, war praktisch kein Widerstand zu spüren. Und trotzdem schwitzte ich beim Joggen gehörig darunter. Ich habe die Story von der Atmungsaktivität für Betrug gehalten.

Was heißt Atmungsaktivität?

2014 haben wir bei Gore in Schottland einen Feldtest durchgeführt. Viele der Teilnehmer waren aktive Wanderer und hochalpine Tourengeher. Einige waren der Meinung, Atmungsaktivität sei die Bewegungsfreiheit, die man in der Bekleidung hat. Andere verstanden darunter die Luftdurchlässigkeit. Wieder andere dachten, Atmungsaktivität verhindere das Schwitzen an sich. Die Vorstellungen dieser Leute von Atmungsaktivität ihrer Bekleidung waren so erstaunlich und unterschiedlich, dass mir klar wurde: Das Thema versteht kein Mensch. Der Begriff „Atmungsaktivität“ ist ja auch irreführend, hat sich aber im Wortschatz für Funktionsbekleidung eingebürgert. Mal ganz einfach gesagt: Er beschreibt die Eigenschaft, Wasserdampf durch die Bekleidung hindurch von innen nach außen entweichen zu lassen.

Physikalische Exkursion: Potentialausgleich und so

Atmungsaktiv: Die Eigenschaft, Wasserdampf durch die Bekleidung hindurch von innen nach außen entweichen zu lassen
Atmungsaktiv: Die Eigenschaft, Wasserdampf durch die Bekleidung hindurch von innen nach außen entweichen zu lassen

Wer es genauer wissen will: Wasserdampf ist ein Gas. Gase unterschiedlicher Zusammensetzung und Konzentration tendieren immer dazu, sich gleichmäßig zu vermischen. Wenn mir die Luft in einem Raum zu stickig wird, dann öffne ich das Fenster und lüfte einmal kräftig. Die verbrauchte Luft vermischt sich mit der frischen, das nennt man Potentialausgleich. Die Konzentration an verbrauchter Luft im Raum ist größer als draußen, ein sogenanntes Partialdruckgefälle. Deswegen drängt die verbrauchte Luft nach draußen und frische kommt herein. Wenn aber von draußen ein unangenehmer Duft, zum Beispiel durch das alljährliche Odeln auf den Feldern auftritt, dann bringt Lüften wenig. Draußen liegt ja derselbe Duft in der Luft, wie drinnen.

Zurück zur Bekleidung: Der Körper gibt ständig Wärme und Feuchtigkeit ab, auch im Ruhezustand. Feuchtigkeit und Temperatur steigen zwischen Körper und Bekleidung an. Luftfeuchtigkeit und Temperatur in der Umgebung sind in der Regel niedriger. Es herrscht zwischen feuchter warmer Luft innen und weniger feuchter kälterer Luft außen ein Partialdruckgefälle. Als Folge dessen drängt die Feuchtigkeit in ihrem Bemühen um Ausgleich durch die Bekleidung nach außen. Dieses physikalische Prinzip gilt für jede Bekleidung, egal ob mit oder ohne Membran.

Atmungsaktivität hat seine Grenzen

In einer Bekleidung, in der ich mich im Sitzen wohltemperiert fühle, in der mir weder zu kalt noch zu warm ist, wird mir schnell zu warm, wenn ich mich bewege. Wenn ich zum Laufen gehe, dann produziert mein Körper noch mehr Wärme. Der Körper versucht diese Wärme durch Schwitzen loszuwerden. Feuchtigkeit tritt aus den Schweißporen, verteilt sich auf der Hautoberfläche und verdunstet. Dieses Verdunsten verbraucht Wärmeenergie, welche durch den warmen Körper sofort zur Verfügung steht. Als Resultat werden Haut und Körper abgekühlt.

Und was passiert in der Bekleidung beim Schwitzen?

Wird mir zu warm, dringt flüssiger Schweiß in die Bekleidung ein und möglicherweise kondensiert der bereits verdampfte Schweiß wieder in der Bekleidung. Was auch immer ich beim Joggen anhabe: Ich schwitze und meine Bekleidung wird innen feucht bis nass. Bekleidung, die als atmungsaktiv bezeichnet wird, kann das auch nicht verhindern. Sie verhindert weder das Schwitzen selbst noch das Feuchtwerden der Bekleidung bei zu viel Hitze.

Was bringt dann die sogenannte „Atmungsaktivität“ überhaupt?

Wenn ich im Regen zum Joggen gehe und eine wasserdichte, atmungsaktive Jacke mit Membran anziehe, dann wird mich diese Jacke vor Regen von außen schützen, dennoch werde ich durch das Schwitzen in der Jacke von innen feucht. Aber das Entscheidende: Atmungsaktive Bekleidung ermöglicht, dass der Schweiß nach außen entweichen kann. Eine ungenügend atmungsaktive Bekleidung erzeugt im Gegenzug einen Hitzestau.
img_GT_GMT_SNO_touring_2012_MB_064Kurz um ...
Membranen in Funktionsbekleidung haben einen simplen Zweck: Sie sollen Regen und Schnee draußen halten und Feuchtigkeit, die beim Schwitzen entsteht, nach außen durchlassen können. Das macht die Bekleidung mit Membran auch so besonders: Sie vereint zwei Eigenschaften, die lange als unvereinbar galten.

Luftdurchlässig, aber winddicht?

Manche Anbieter von Funktionsmaterialien demonstrieren „Atmungsaktivität“, indem sie Luftblasen durch einen mit Wasser gefüllten Plexiglaszylinder pumpen. Das zeigt eine gewisse Luftdurchlässigkeit aber keine Durchlässigkeit von Wasserdampf. Luftdurchlässigkeit ermöglicht ebenfalls eine Wärmeabgabe, aber eben nicht durch Verdampfen, sondern durch Ventilation. Befinde ich mich in einem stickigen Raum und möchte einmal kräftig durchlüften, geht das Lüften schneller, wenn ich zwei Fenster öffnen kann. Die verbrauchte Luft wird zügig nach außen transportiert, frische Luft erfüllt den Raum. Genau so funktioniert es auch in der Bekleidung. Ein Wollpullover hält zwar schön warm, aber sobald der Wind durchpfeift, wird die wärmende Luftschicht einfach weggeblasen.
Luftdurchlässige Membranen lassen tatsächlich ein klein wenig Luft durch. Diese Materialien sind trotzdem allesamt winddicht. Tatsächlich ist die Luftdurchlässigkeit dieser Materialien so gering, dass ein erheblicher Winddruck nötig wäre, um den Wind wahrzunehmen.