Der perfekte Freeride-Tag oder: Work-Life-Balance
Powder, Sonne, unberührte Hänge – Freeride-Aufnahmen zeigen Traumbedingungen, aber wieviel Arbeit steckt dahinter? Sebastian Huber über den perfekten Freeride-Work-Life-Balance Tag mit Athlet Nico Zacek.


Nico Zacek
Freeskie-Junkie, Papa und bester Freund von Autor Sebastian: GORE-TEX Athlet Nico Zacek ©Klaus Polzer

Nico und ich kennen uns schon seit bald 15 Jahren, als wir beide noch in übergroßen Baggy Pants in den Fun-Parks unterwegs waren. Inzwischen sind wir zumindest auf dem Papier erwachsener, Arbeitskollegen und Väter geworden – aber nach wie vor gerne gemeinsam im Schnee – wenn auch inzwischen bevorzugt im pulvrigen Aggregatzustand und in funktionellere Kleidung gewandet. Im sanften Powder sind die Landungen eben weicher und beanspruchen unsere alten Knochen nicht mehr so extrem, und mit der entsprechenden Membran ausgestattet stapft sich’s leichter durch den Tiefschnee als in baumwollenen Kapuzenpullis.

Im Ernst: Man wird wirklich älter, und mit der Zeit verschoben sich unsere Vorlieben zunehmend ins Backcountry, in den viel gerühmten Powder, auf unberührte Hänge und in abgeschiedenere Gegenden. Somit war ich natürlich sofort dabei, als mich Nico anrief und fragte, ob ich Zeit hätte, mit ihm, Fotograf Klaus Polzer und Filmer Seppi Schilcher zu einem Shooting nahe Innsbruck zu kommen. Einige Termine mussten verschoben und die richtige Location gefunden werden und schon klingelte der Wecker um 5:50 Uhr, noch bevor eins der Kinder überhaupt daran gedacht hätte, den Papa aus dem Bett zu schmeißen.

Kommando zurück, Bahn defekt

Pünktlich um 6:30 Uhr trafen wir uns in der Bäckerei vor Ort und wollten eigentlich direkt weiter ins Gebiet, wo wir mit der Mitarbeiterfahrt schon um 7 Uhr auf den Berg hätten/dürfen/können/wollen, als Klaus’ Handy klingelte: Kommando zurück, Bahn defekt, nix mit Early Birds bei Sonnenaufgangsstimmung. Wenn sich’s eh nicht ändern lässt, dann eben ein zweiter Cappuccino und zu den normalen Betriebszeiten mit dem Sessellift auf den Berg. Trotz des späteren Starts meinten es die folgenden zwei Tage wirklich gut mit uns: Die Sonne schien vom blauen Himmel, es war weder zu kalt noch zu warm und der berüchtigte Föhn pfiff uns nur am Grat um die Ohren, störte aber den Pulvergenuss in keinster Weise.
Basti Huber
Autor Sebastian Huber in seinem Element ©Klaus Polzer

Den skifahrerischen Freuden stand nichts mehr im Weg

Soweit so schön, den skifahrerischen Freuden stand also nichts mehr im Weg. Fast nichts. Wir hatten trotz allem ja einen Auftrag, eine „Mission“: Fotos produzieren und Filmaufnahmen mitbringen, und unter diesem Aspekt artet solch ein perfekter Tag auf dem Berg dann doch wieder in echte Arbeit aus. Man darf sich nicht beschweren, wenn man an einem „normalen“ Werktag im Schnee herumspringt, anstatt im Büro zu sitzen. Wer aber nun glauben sollte, dass Nico und ich einfach Line um Line in die Berghänge spurten und die beiden Männer hinter der Kamera quasi nur noch draufhalten mussten, dem will ich einmal einen Behind The Scenes Einblick in solch ein Shooting geben:

Das perfekte Foto

Nico Zacek
©Klaus Polzer

Action Shots einzufangen mag in Zeiten digitaler Fotografie technisch wohl leichter sein als früher mit analogen Kameras, immerhin lässt sich am Display sofort checken, ob das Foto nun etwas taugt oder nicht und man muss nicht mehr warten, bis die Filme entwickelt wurden. Trotzdem muss im Vorfeld, bevor überhaupt ein Schwung in den Schnee gezogen wurde, klar sein, was passieren soll und welche Bildkomposition dem Fotografen vorschwebt: Welcher Hintergrund soll zu sehen sein, wo steht die Sonne, wie ist das Licht, passt der Schnee, versteht der Rider, was der Fotograf will und und und …

 

Hier sollte dem Erfinder der Funkgeräte ein spezielles Lob zugute kommen, die kleinen Dinger sind äußerst hilfreich bei der Kommunikation am Berg. Und selbst dann, wenn alle ready sind und der Fahrer eindroppt, kann’s noch schiefgehen. „Sharks“ nennt der Freerider die versteckten Steine, die, hauchdünn mit Schnee bedeckt, erst dann entdeckt werden, wenn sie sich in den Belag „beißen“. Zurück bleibt ein misslungener Schwung, zerkratzte Ski und die Suche nach dem nächsten Spot. So mussten auch Nico und ich den ein oder anderen Spot verwerfen, als es bereits bei erstem Schwung krachte – die Gesundheit geht vor. Gefunden haben wir aber genug, schaut euch dieses traumhafte Bild an:

Video-Shots

Basti Huber
 ©Klaus Polzer

Bewegtbildaufnahmen sind im Vergleich zu Fotos weder leichter noch schwerer einzufangen: Einerseits muss dem Filmer klar sein, welche Line der Rider wählt und sein Standort muss garantieren, dass er den Fahrer immer im Bild hat. Im Gegensatz zu Fotos, die nur eine Momentaufnahme der Abfahrt zeigen, verzeiht ein Video aber keine Fehler, jede Sekunde der Line ist zu sehen und dem Rider darf kein Fehler unterlaufen, sonst wird die Aufnahme unbrauchbar. Oder landet im Crashpart des Videos.

Ok, ehrlich gesagt ist das alles nicht so schlimm, es macht sogar richtig viel Spaß – denn was gibt’s schöneres, als bei dem Sport, den man mit aller Passion ausführt, die bestmöglichen Fotos und Videoaufnahmen zu produzieren, die am jeweiligen Tag möglich sind? All die Planung der Fotos, endlose Unterhaltungen über Funk, das Suchen der schönsten Spots und Lines und die schweißtreibende Stapferei zum Start auf irgendeinem Grat: All das mündet schließlich im Lohn, das Endprodukt als Foto oder Film zu sehen, um (Achtung, Phrasenalarm) diese Momente für die Ewigkeit festzuhalten.