Eine Kletterexpedition ist mehr als Klettern
„Das Schöne ist das Klettern, das Spannende der Weg dorthin“: Die GORE-TEX Athleten Stefan Glowacz und Robert Jasper suchten und fanden neue und alte Wege in der Wildnis und am Fels auf Baffin Island.


Als Sport beinhaltet das Klettern die großartige Chance […], eine phantastische Natur zu erleben und in interessante Länder zu reisen. (W.Güllich)

Als ich zu klettern begann, war Wolfgang Güllich leider bereits tot. Aber in der Kletterszene war er omnipräsent, er war einer der besten Sportkletterer, den die 80er-Jahre zu bieten hatten. Seine Zitate sind überall und Kaffeetrinken wurde offiziell eine neue Disziplin des Kletterns. Beim Kaffeetrinken kann man über Schwierigkeitsgrade diskutieren und sich in Ethikdiskussionen über künstliche Griffe, Bohrhaken und Ringabstände die Birne heißreden. Oder man setzt sich in eine Kaffeebar, bestellt einen Macchiato, blättert in aller Ruhe in einschlägiger Vertikalliteratur und lässt sich inspirieren. Bilder, Routen, Reisen: Wohin geht’s als nächstes?

Kaum ein anderer Kletterer setzt das Reisen so konsequent ins Zentrum seiner Ideen, wie Stefan Glowacz. Glowacz ist einer, der Güllichs Einstellung kennt. Der Garmischer eiferte als junger Bursche den Alberts und Güllichs nach, zog gleich, trat in ihre Fußstapfen, war Weggefährte und setzte bald selbst neue Maßstäbe in der Welt des Kletterns. Die großartige Chance, die das Klettern einem phantasiebegabten Abenteurer bietet, nutzt kaum einer so konsequent wie Stefan Glowacz.

„Das Klettern in die Gesamtidee einzubetten, ist das Spannende“

Oft macht er sich in entlegene Regionen auf, um Neuland zu entdecken. Dies muss nicht unbedingt eine super schwierige Klettertour oder eine Erstbegehung sein. Neuland manifestiert sich vor allem auch in der Art und Weise, wie das gesteckte Ziel erreicht wird. „Das Klettern in die Gesamtidee einzubetten, ist das Spannende“, sagt Stefan.

Gerade kommen Stefan Glowacz, Robert Jasper – ebenfalls im GORE-TEX Athletenteam – und der Fotograf Klaus Fengler von ihrer Expedition nach Baffin Island zurück. „Das war ein voller Erfolg“, wie ein begeisterter, aber etwas müder Stefan am Tag nach seiner Ankunft in Bayern erzählt. Einen vollen Monat haben sich die drei Abenteurer zu Fuß durch die kanadische Wildnis gekämpft, haben an der 500 Meter hohen Turret Westwand eine Tour geklettert und sind dann auf einer anderen Route wieder zum Ausgangspunkt zurückgekehrt.

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Ein Monat für einen Tag

Ein Monat autark unterwegs, die gesamte Ausrüstung und Verpflegung ziehen sie in ihren neu entwickelten High-Tech-Carbonschlitten neun Tage lang über 170 Kilometer hinter sich her, schinden sich über Gletscher und Bergpässe, durch Flußläufe und die Tundra – um vor Ort an der Felswand festzustellen, dass ihre angedachte Kletterlinie bereits Begehungsspuren aufweist, es also nichts wird mit einer Erstbegehung. In einem Push klettern sie 27 Stunden durch, finden eine freie Variante. Stefan kommt in einen Steinschlag, sein Handgelenk ist geprellt. Die Ausstiegslängen mit teils vereisten Rissen klettert Robert im dichten Schneetreiben. Nach 14 Seillängen mit Schwierigkeiten bis 9-/A1 stehen sie am Gipfel. Sie seilen ab und machen sich auf den Rückweg, der sich als anspruchsvoller erweist, als gedacht. 13 Tage sind sie unterwegs, mehrfach muss das Team improvisieren.

Ein Monat für einen Tag Klettern: Ist das nicht ein unbefriedigendes Verhältnis? „Überhaupt nicht“, sagt Stefan. „Wenn wir nur klettern und einfach ein paar Erstbegehungen gewollt hätten, hätten wir das ganz anders gemacht. In Baffin lassen sich Kletterer in der Regel mit dem Boot oder Skidoo reinfahren, schlagen ein Basislager auf und haben dann alle Zeit der Welt. Danach lässt man sich wieder abholen oder fährt einfach selbst wieder mit dem Motorschlitten zurück.“ Stefan und seine Partner setzen einen anderen Schwerpunkt: „Wir wollten von Clyde River, dem letzten Außenposten der Zivilisation, aus eigener Kraft zur Wand. Das Spannende für uns war, das so zu planen, dass wir in einer Jahreszeit, in der Freiklettern überhaupt möglich ist, selbst hin- und zurückkommen. Das ist ein sehr kleines Zeitfenster, das heißt du musst extrem genau planen und knapp kalkulieren. Das hat vorher noch nie jemand gemacht. Wir wollten das genau so. Und es hat genau so funktioniert.“
Stefan Glowacz und Robert Jasper machen sich fertig zum Klettern unter der Turret Westwand, Sam Ford Fjord, Nunavut, Baffin Island, Kanada. Copyright: Klaus Fengler.
Robert Jasper und Stefan Glowacz machen sich fertig zum Klettern unter der Turret Westwand, Sam Ford Fjord, Nunavut, Baffin Island, Kanada. Copyright: Klaus Fengler.

Klettern kann mehr als Klettern sein – wenn man mehr daraus macht

Wie schon Güllich mit seinen Thesen zu Kaffee und Reisen den Horizont mehrerer Kletterergenerationen erweitert hat, bereichern Stefan und Robert mit ihren Ideen die Szene: Das „Wie“ des Kletterns, der Kletterstil einer Route, steht seit Jahrzehnten im Fokus. Das „Wie“ des Hinkommens zur Route war weniger wichtig. Bei ihrer Baffin Expedition legten die Jungs ihre ganze Vorbereitung genau hier hinein. „Denn das Klettern selbst, die reine Betätigung am Fels, das ist für uns Routine. Das können wir kalkulieren, da kennen wir uns aus. Aber mit Eisbären, Eisbären-Abschreckzäunen, arktischer Schneeschmelze, den Wetterkapriolen, zugefrorenen – oder eben nicht zugefrorenen – Fjorden zurechtzukommen, das ist ein Abenteuer.“ Man sagt, Abenteuer sei das Resultat schlechter Planung. Aber auch Planung hat ihre Grenzen. Selbst der Klimaforscher Prof. Mulch von der Senckenberg Stiftung, den Robert und Stefan vor der Expedition konsultiert hatten, um die klimatisch bedingten Verhältnisse vor Ort und zum Beispiel die Gefahr durch Eisbären besser einschätzen zu können, musste passen. Es sei schwieriger geworden, derlei vorherzusagen. Sein Rat an die Kletterer: „Tag für Tag aufs Neue entscheiden“. Das dürfte ganz im Sinne der drei Abenteurer gewesen sein.

Zeitschriftentipp: Free Men's World, September Ausgabe
TV-Tipp: 18. Juli, ZDF Mittagsmagazin
Vortragstipp: 10. November und 11. November, Bergsichten Festival, Dresden: „Von der Arktis bis zum Orient – Die modernen Abenteuer von Stefan Glowacz“