Einen ganzen Sommer lang - mit Denis Wischniewski
Einen ganzen Sommer lang lief Denis Wischniewski von München bis an die türkische Grenze. Zu diesem atemberaubenden Erlebnis wurde ein Film produziert, dessen Premiere heute stattfindet.


Nun ist es endlich so weit. Der Film ist fertig! Mein Lauf von München bis an die türkische Grenze ist ja schon fast anderthalb Jahre her und doch war er in all der Zeit immer präsent.

Das lag natürlich daran, dass diese 41 Etappen sehr nachdrücklich sind und zu anderen, dass ich mich im Nachgang sehr mit damit beschäftigt habe: ich habe erkannt, dass Laufen ein Teil meines Lebens ist und ich muss heute immer wieder feststellen, dass ich mich dabei ertappte stolz zu sein, dass ich es "durchgezogen" habe. Diese Hitze im Balkan, diese endlosen Straßen und jeden Tag immer wieder die Laufschuhe früh am Morgen anziehen und dann diese ersten 500 Meter an denen alles wehtut.

 
@Denis Wischniewski

 

41 Etappen und zu Anfang über die Alpen

Als ich am 12. Juni in München loslief, konnte ich zunächst nicht erahnen, was da auf mich alles zukommt. Man kann einen Lauf über fast zwei Monate zwar planen und sich etwas wünschen, aber es kommt immer anders als man es sich vorstellt.

Ab dem fünften Tag ging es über die Alpen. Es war eiskalt. Der Sommer war ein Winter und ich kroch auf allen vier in mehrere Bekleidungsschichten und einer GORE-TEX Jacke über den Hauptkamm der Hohetauern. Nur Tage später verbrannte ich mir Arme, Gesicht und den Nacken. Bis zum Ende des Abenteuers sollte das Thermometer nie mehr unter 35 Grad anzeigen. Der Balkan brannte. Nur für mich.

 
@Denis Wischniewski

 

Mein Vater, das Filmteam und die Navigation

Nach rund 14 Tagen war ich in Kroatien angekommen und mitten in meinem Ding. Ich rannte wie ein Uhrwerk durch eine monotone Landschaft, in einer Geraden durch das Land. Mein Vater und ich hatten feste Rituale: er wartete alle fünf Kilometer am Straßenrand, baute eine Verpflegungsstation für mich auf, kühlte mich mit allem ab was dafür nützlich war und das Filmteam war gefühlt ständig überall und beobachtete uns. Das wurde zur Belastungsprobe.

Spätestens in Serbien gipfelte die Hitze und wir kamen alle an unsere Grenzen. Schlechtes Kartenmaterial und zu wenig Kommunikation ließ mich falsche Wege laufen - ich verpasste mehrmals meinen Vater. Wir verstrickten uns in Meinungsverschiedenheiten und der Lauf stand für einen Moment auf der Kippe.

 

Der Putsch, das Attentat und eine Entscheidung

In Bulgarien, dem sechsten Land der Reise, rotierten die Ereignisse. Am Abend der Etappe bekam ich die Nachricht auf mein Handy, dass in München ein Attentat stattfindet. Mein Lebensgefährtin schickte mir SMS Nachrichten, dass sie in der Innenstadt im Keller einer Pizzeria sitz und nicht weiß was draußen vor sich geht. Ich stellte die Wichtigkeit meines Laufes sehr in Frage. Nur Tage zuvor fällte ich die Entscheidung den Lauf an der Bulgarisch-Türkischen Grenze zu beenden. Ein Militärputsch in der Türkei, von dem keiner so recht wusste, wie er die Sicherheit im Land beeinflusste, machte den Entschluss letztlich einfach. Und dennoch: ich musste die letzten sieben Etappen mit einem schweren Herzen laufen und hatte mein Ziel - Istanbul - aus den Augen verloren.

 
@Denis Wischniewski

Das Ende an einer Grenze

Nach 41 Etappen beendete ich diesen Ultramarsch an einem Grenzzaun. Ich lag mir mit meinem Papa in den Armen und nur wenige Meter hinter diesem Zaun wehte die türkische Flagge im Wind. Wir wollten beide nur noch zurück. Nach Hause.

Vier Etappen fehlen nun. Wir warten beide auf bessere Zeiten. Auf die Tage an denen wir diesen letzten kleinen Abschnitt nachholen dürfen.