Friede, Frust und Freude
Bei einer Buchvorstellung in München haben wir Tamara Lunger, Mitglied des GORE-TEX Athleten-Teams zu einem kurzen Interview getroffen. Im Gespräch verrät die 31-jährige Südtirolerin, was sie 2018 vorhat, wo sie 2017 nach einer schwierigen Expedition wieder ihren Frieden gefunden und wie viel Freude sie selbst an ihrem kürzlich erschienen Buch hat.


Interview: Johanna Stöckl

In deinem Buch „Meine Glücksseligkeit an der Grenze zum Tod“ schreibst du unter anderem, dass dich nach großen Expeditionen das Medieninteresse gelegentlich überfordert. Sind Buchvorstellungstermine wie heute ebenfalls lästige Pflicht?

Im Gegenteil! Buchvorstellungen und Vorträge machen mir Spaß. Mich freut das Interesse an meinen Geschichten. Außerdem habe ich bei Terminen dieser Art die Möglichkeit den Leuten unmittelbar und direkt zu erklären, was für mich die Berge wirklich bedeuten.

Dein Buch gefällt mir ausgesprochen gut. Du schreibst darin so ehrlich.

Von Anfang an wollte ich ein emotionales, intimes Buch schreiben, eines, das wirklich aus meiner Seele kommt, um den Lesern einen tiefen Einblick in mein Innerstes zu gewähren.

Warum hast du dann mit Francesco Casolo als Co-Autor gearbeitet?

Weil das Buch im Februar 2017 zuerst in der italienischen Fassung erschienen ist. Da Italienisch aber nicht meine Muttersprache ist, brauchte ich Unterstützung.

Wie lange hat es von der Idee bis zum fertigen Buch gedauert?

Vor meiner Nanga Parbat Expedition spielte ich mit dem Gedanken ein Buch zu schreiben. Wie findet sich eine Frau auf einer Winterexpedition zurecht? Während der Expedition selbst hab’ ich dann schon fleißig Tagebuch geführt. Insgesamt hat es also ein Jahr gedauert, bis ich die italienische Fassung in den Händen hielt.

Wie findet man den richtigen Co-Autor für ein derart persönliches Buch?

Der Rizzoli Verlag hatte mir Francesco vorgeschlagen, weil er schon drei Bücher mit einem Südtiroler geschrieben hatte. Beim ersten Treffen wusste ich: es passt zwischen uns beiden. Hauptsächlich entstand das Buch aus meinen Tagebuchaufzeichnungen. Während eines Krankenhausaufenthaltes hatte ich außerdem zu einem früheren Zeitpunkt etwa 70 Seiten über meine Kindheit, Jugend bzw. mein Leben geschrieben. Francesco führte dann mit mir noch einige Interviews, die in das Buch eingeflossen sind. Er ist Mailänder und kam zu mir nach Gummer im Eggental. Von dort aus sind wir zu einer mehrtägigen Dolomitentour gestartet. Mir war es wichtig, dass wir uns dort austauschen, wo ich zu Hause bin: in den Bergen.

Wie hat sich der Städter in deiner Welt geschlagen?

(Lacht) Am ersten Tag haben wir gleich 30 Kilometer und 2500 Höhenmeter zurückgelegt! Francesco meisterte trotz Höhenangst seinen ersten Klettersteig und war rechtschaffen kaputt. Wir haben unter freiem Himmel, also in keiner Hütte übernachtet. Diese drei intensiven Tage – glaube ich zumindest – haben dazu beitragen, dass das Buch so gelungen ist. Wir hatten eine gute Zeit zusammen und uns wirklich gut verstanden. Ich selbst hab’ eine Mordsgaudi an diesem Buch. Es entspricht mir total.

Ich habe gehört, dass dir die italienische Fassung beinahe besser als die deutsche gefällt. Warum?

Weil die italienische Sprache einfach emotionaler ist. (Lacht) Vor allem italienische Schimpfwörter kann man auf gar keinen Fall eins zu eins ins Deutsche übersetzen! Dafür ist die deutsche Fassung von der Aufmachung her viel schöner. Das Papier ist edler, es sind mehr Bilder darin enthalten und es gibt ein zusätzliches Kapitel. Kurzum: ich habe an beiden Fassungen große Freude.

Simone Moro feierte kürzlich seinen 50. Konntest du mit ihm feiern?

Das konnte ich. Wir waren nämlich beiden an seinem Geburtstag beim Athletenmeeting von The North Face in USA. Da wir beschäftigt waren, haben wir aber nix Außergewöhnliches gemacht. Eine gemeinsame Radltour ist sich dennoch ausgegangen.

Dezember, Zeit der Rückschau. Wie zufrieden bist du mit dem vergangenen Jahr?

2017 hat mir nach der Kangchendzönga Expedition eine schwierige Zeit beschert. Mich hat diese Expedition fertig gemacht.

Körperlich?

Eher psychisch.

Weil ihr gescheitert seid?

Nein, das war nicht der Grund. Wenn das Wetter, die Bedingungen nicht passen, kannst nix machen. Und wenn es Simone auch noch schlecht geht, erst recht nicht. Das war nicht das Problem. Mich hat die Situation im Basislager überfordert. Mir wurde klar, dass dies nicht dauerhaft meine Zukunft sein kann. Unmittelbar nach meiner Rückkehr schwor ich mir sogar kurz: Nie wieder! Von Achttausendern hatte ich erst einmal – pardon – die Schnauze voll. Ich brauchte etwas anderes, um meine Freiheit und meinen inneren Frieden wieder zu finden.

Wie und wo hast du ihn gefunden?

Mit Aaron Durogati aus Meran, er ist Weltmeister im Paragleiten, ging’s für vier Wochen nach Indien. Wir haben jeden Tag dieser Reise voll ausgekostet und sind täglich im Tandem geflogen. Sogar mit Adlern! Das war ein unbeschreiblich schönes, einzigartiges, erfüllendes Erlebnis! Während der gesamten Reise fühlte ich mich wieder als Teil der Natur, habe verstanden, wo ich hingehöre und so meine innere Ruhe wieder gefunden.

Zurück zum Basislager. Was hat dich dort so gestört?

Es waren vergleichsweise viele Frauen im Basecamp und es gab ständig Spannungen. Weil ich geholfen habe Fixseile zu verlegen, unterstellte man mir, ich würde das nur für den Film machen, der dort entstand. Doppelt unverschämt, weil wir diese Arbeiten ja nicht nur für uns, sondern theoretisch für alle Bergsteiger im Basislager verrichten. Auch die Sherpa-Situation war anders. Es gab Lügen, jeder ist nur noch auf das Geld aus ... für derartige Reibereien habe ich einfach keinen Nerv.

In deinem Buch erwähnst du an einer Stelle: „Eines Tages möchte ich gerne eine Herde von Elefanten beobachten, Giraffen an den Ohren ziehen, eine gute Hubschrauberpilotin werden, die Freundschaft einfacher Völker suchen, um von ihnen das Jagen zu lernen, in weit entfernte Welten vordringen...“

Ich finde es so schade, dass sich die Menschheit mehr und mehr von der Natur entfernt, wir in einer hochtechnisierten Welt unseren Instinkt komplett verkümmern lassen. Es wird noch so kommen, dass unsere Kinder Angst vor der Natur haben werden. Ich hatte in Südtirol einmal ein Schulprojekt für Kinder vorgestellt. Die Idee war: sich im Team draußen selbständig zu versorgen, sich einen Unterschlupf für die Nacht zu bauen, das Essen selbst zu sammeln und auf einem Lagerfeuer zuzubereiten. Der Vorschlag wurde als viel zu gefährlich abgelehnt. Wir ziehen – übertrieben gesagt – Angsthasen heran. Mich macht das manchmal richtig zornig. Ich für mich kann nur in und mit der Natur leben.

Welche Pläne hat Tamara Lunger für 2018?

Mitte Januar 2018 starte ich erneut gemeinsam mit Simone Moro zu einer vierwöchigen Expedition. Er bat mich allerdings nichts Näheres zu verraten.

Ein klitzekleiner Hinweis vielleicht?

(Lacht) Es wird sehr, sehr kalt. Nach meiner Rückkehr werde ich anschließend ein paar Wochen trainieren, um dann zu einer Alpentraverse auf Ski von Wien nach Nizza zu starten. Darauf freue ich mich wie verrückt. Wir sind ein siebenköpfiges Team starten am 18. März und sollten bis 20. April in Nizza ankommen.

Von Wien nach Nizza auf Ski? Wie viele Kilometer sind das?

2000 Kilometer und 60.000 Höhenmeter. Dieses Projekt taugt mir voll, es findet mehr oder weniger daheim statt, wir müssen uns schinden, die Kräfte optimal einteilen, als Team gut funktionieren. Das ist genau das, was mir Spaß macht.

Und im Anschluss geht’s am 2. Mai zum Elbrus Race, einem Skitourenrennen mit einer Länge von 42 Kilometern und 5000 Höhenmetern. Da brauche ich aber noch einen Partner. Vielleicht kann ich ja meinen Daddy überzeugen.

Wie feiert Tamara Weihnachten?

Ganz gemütlich daheim mit der Familie bei Suppe und Weihnachtskeks.