Die Stadt als ultimatives Terrain: Jörg Haas stellt sich den modischen Herausforderungen urbaner Räume
Der Gründer von Beinghunted Jörg Haas über die Street Credibility von Funktionskleidung.


Die Funktionsjacke stand lange Zeit, wie kein anderes Kleidungsstück, stellvertretend für den deutschen Kleidungsstil: sinnvoll und funktional, aber leider nicht so richtig stilvoll oder gar modisch.
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Unter jungen, trendaffinen Großstädtern hielt sich – wohl abgeschreckt von jenen Mitbürgern, die das Bild der Fußgängerzonen mit ihren schrulligen Wanderoutfits prägten – lange die Ansicht, dass wind- und wetterfeste Kleidung ins Gebirge gehört und eben nicht auf die Straße. Auch die großen Hersteller zielten bis vor ein paar Jahren vor allem auf outdoorwütige Kunden ab, was nicht unbedingt zur Steigerung der Beliebtheitswerte von Regenjacken und Rucksäcken in den Ballungsräumen führte. Diese Ansicht ist schon länger nicht mehr zeitgemäß. Früh erkannt hat dies ein Mann, der einen nicht unerheblichen Anteil daran hat, dass eine Funktionsjacke in den Straßenschluchten großer Metropolen heute kein modischer Fauxpas mehr ist und darüber hinaus in den meisten Fällen tatsächlich gut aussieht: Jörg Haas hat das Geschäft mit funktionaler Kleidung in den letzten 20 Jahren von vielen Seiten gesehen. Sein gesammeltes Wissen und die enge Verbindung zur Materie und zu verschiedenen Marken ließen ihn zu einem der wichtigsten Berater für die Branche werden.
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Begonnen hat seine Karriere, die, wie er selbst sagt, nie wirklich geplant war, zu Beginn des Jahrtausends in München. Damals war er vergeblich auf der Suche nach Kanälen und Menschen, die seine Interessen teilten: Design, Turnschuhe, Japan und Street Art. 2001 gründete er als logische Schlussfolgerung „Beinghunted“, ein Onlinemagazin über eben diese Themen. „Ich dachte nicht, dass das überhaupt jemand liest. Über die Jahre habe ich aber gemerkt, dass es für meine Inhalte ein Publikum gibt“, so Jörg, der Beinghunted zu einer Zeit gründete, in der es weder vergleichbare Formate noch unterstützende Systeme zur Veröffentlichung von Inhalten im Internet gab. Mit der Zeit überholten ihn allerdings die Macher der Plattformen Highsnobiety und Hypebeast. Reue über eine verpasste Expansion spürt Jörg aber nicht. „Wenn man bedenkt, dass man mittlerweile nicht mehr täglich, sondern im Stundenrhythmus Inhalte publizieren muss, um die nötigen Klickzahlen zu erreichen, dann muss ich ganz klar sagen: Das ist nicht, was mich selbst interessiert“.
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2005 zog es den gebürtigen Münchner dann nach Berlin, wo er seinen ersten eigenen Store in einer herkömmlichen Wohnung eröffnete, in dem er Teile der Marken verkaufte, über die er die Jahre zuvor auf Beinghunted geschrieben hatte: „Das waren Visvim, WTAPS, Burton Idiom, außerdem verschiedene Magazine und, worauf ich besonders stolz bin, Supreme.“
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Mit seinem Konzept zog Jörg später in eine klassische Ladenfläche um, bis er nach zehn Jahren im Einzelhandel zurück zu den Ursprüngen wollte. Heute sitzt er in einem großen Studio in Berlin-Mitte und teilt sein Wissen und seine Erfahrungen mit eben den Marken, zu denen er seit Jahren Beziehungen pflegt. „Das ist letztendlich wertvoller, sowohl für mich in finanzieller Hinsicht als auch für die Marken, die mehr von einem Berater haben als von einem Laden, der einfach nur seine Rechnungen bezahlt.“
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In seiner Funktion als neutraler Vermittler berät er die Marke GORE-TEX bezüglich der Zusammenarbeit mit Marken aus dem Bereich der Funktionskleidung und darüber hinaus. Dabei kann er aus einem breiten Spektrum an Kontakten zu Marken, Einzelpersonen, Medien und Agenturen schöpfen, welches er sich über die Jahre aufgebaut hat. „Ich sehe mich als Vermittler zwischen GORE-TEX und anderen Marken. Auf der einen Seite stehen die Technologie und das Know- How, auf der anderen Seite die kreative Energie und letztlich auch der Absatzmarkt.“
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Jörgs Faszination für funktionale Kleidung beruht nicht nur auf einem schon immer dagewesenen Interesse an Jacken, sondern auch auf der engen Freundschaft zu den Machern des Labels Acronym, die Jörg noch aus seiner Zeit in München kennt. Erstmals auf die Marke aufmerksam geworden ist er in einem japanischen Magazin, über Freunde kam der Kontakt zu Michaela Sachenbacher und Errolson Hugh, den Köpfen hinter der Marke, zustande. Deren Archiv und Wissen waren eine Offenbarung für Jörg: „Von hier an ging es nicht mehr nur um das reine Konsumieren, sondern ich hatte die Möglichkeit, mit den Herstellern zu sprechen und mehr darüber zu erfahren, was hinter den Kulissen passiert und wie eine Jacke entsteht.“
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Die Herstellung und vor allem die Entwicklung bedarf wesentlich mehr Zeit als die eines herkömmlichen Kleidungsstücks. „Man muss sich mit der Funktion, dem Material und der Verarbeitung intensiv auseinandersetzen.“ Konträr dazu wird die Modewelt schneller und schneller, es gibt mehr und mehr Kollektionen in immer kürzeren zeitlichen Abständen, die Preise für einzelne Teile sinken ins Bodenlose. Die Langsamkeit wird der Funktionskleidung an anderer Stelle zum Vorteil: Obwohl die verwendeten, technischen Stoffe hinsichtlich ihrer Herstellung und Entsorgung nicht unbedingt das sind, was landläufig als umweltfreundlich bezeichnet wird, so ist die Halbwertszeit der Produkte doch deutlich länger, das Design weniger trendlastig und damit auch nach Jahren noch tragbar. Außerdem bieten mittlerweile mehrere Hersteller und Marken die kostenlose Reparatur oder Rücknahme ihrer Produkte mit anschließender, professioneller Entsorgung an.
freunde-von-freunden-joerg-haas-9496freunde-von-freunden-joerg-haas-9456freunde-von-freunden-joerg-haas-9510freunde-von-freunden-joerg-haas-9473freunde-von-freunden-joerg-haas-9503freunde-von-freunden-joerg-haas-9479Für Jörg ist außerdem die Übertragung der Funktionen auf die Anforderungen im urbanen Kontext reizvoll: „Wenn eine Jacke für die Bedingungen in der freien Natur gemacht ist, aber in der Stadt genauso gut funktioniert, wird es erst richtig spannend“. Der Weg der Funktionskleidung in die Stadt ist vielleicht gar keine unnatürliche, modischen Trends geschuldete Entwicklung, sondern vielmehr logischer Schluss, bedenkt man die vielen Anforderungen und klimatischen Bedingungen im urbanen Raum: „Man läuft morgens zum Bus, später sitzt man in der U-Bahn, in der Mittagspause geht man schnell in ein Kaufhaus und abends muss man zu einer Veranstaltung, wo dann noch die soziale Komponente dazu kommt“. Abgesehen davon nimmt die Mobilität weiter zu: Innerhalb kürzester Zeit werden verschiedene Kontinente und Klimazonen bereist. „Die Voraussetzungen und Anforderungen für Funktionskleidung waren schon immer da“, so Jörg, der auch das stetig wachsende Know-how der Hersteller hinsichtlich Materialien und Verarbeitung als einen Grund für die Ablösung von Wollmantel und gewachster Stoffjacke durch leichte und wetterbeständige Funktionskleidung sieht.
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Darüber hinaus erschließen sich die Hersteller mittlerweile neue Zielgruppen: Für beruflich auf klassische Garderobe angewiesene Städter gibt es dank Marken wie Stone Island Shadow, Nanamica, Arcteryx Veilance oder Acronym mittlerweile funktionale Kleidung, die sich zum Anzug tragen lässt, ohne den Träger wie eine Parodie seiner selbst aussehen zu lassen. Hersteller von Funktionskleidung arbeiten außerdem intensiv und regelmäßig mit Marken aus dem Lifestyle-Segment zusammen. Bestes Beispiel dafür ist die halbjährige Kooperation von The North Face und dem New Yorker Skate-Label Supreme. „Gerade Supreme ist sehr gut darin, Teile aus Archiven von etablierten Firmen zu ziehen, die die Marken selber gar nicht mehr auf dem Schirm haben.“ Marken, die eigentlich aus dem Outdoorbereich kommen, werden so für junge, modeaffine Menschen interessant, und das vorbei an der eigentlichen Funktion der Jacken. Dabei appelliert Jörg in seiner beratenden Funktion vor allem an modelastigere Marken, dass die Funktion neben allen ästhetischen und modischen Gesichtspunkten weiterhin gegeben sein muss.
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Für die nahe Zukunft sind zwei Entwicklungen absehbar. Das Angebot im Bereich der Tech Wear wird größer werden. Hier erkennt Jörg allerdings noch nicht die dazugehörige Nachfrage: „Ich sehe die Urfunktion des Schutzes vor dem Wetter, habe aber momentan nicht das Bedürfnis, pausenlos meinen Puls zu checken oder zu schauen, wie viele Kalorien ich verbrannt habe“. Mehr Potenzial sieht er dafür in einem ganzheitlichen System: Von dem, was man direkt auf der Haut trägt bis hin zur Jacke und den Schuhen sollen Kleidungsstücke zusammen funktionieren – und das, ohne den Träger wie einen Polarforscher aussehen zu lassen. Eine großartige Aussicht.

 
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Danke Jörg, für deine Zeit und die tiefen Einblicke in eine Branche, von der man meist nur ihre wasser- und winddichte Oberfläche sieht. Auf Beinghunted gibt es neben einem Onlineshop auch ein Archiv, das bis zurück an die Anfänge reicht. Hier gibt es außerdem einen Überblick über das, was Jörg heute macht. Auf Instagram kann man ihm natürlich auch folgen.

Dieses Portrait ist Teil der Zusammenarbeit von Freunde von Freunden und GORE-TEX. Gemeinsam treffen wir die Experten der Branche und blicken wir auf die kreativen Entwicklungen im Bereich der Funktionskleidung.
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CREDITS

Text: David Jenal
Fotografie: Robert Rieger
Konzept und Produktion - Freunde von Freunden