Historische Winterbesteigung des Nanga Parbat mit Tamara Lunger
„Bergsteigen ist für mich ein Akt vieler Gefühle und Emotionen. Langfristig gesehen weiß ich, dass mir meine Eingebung das Leben retten wird.“ – Tamara Lunger


Am Nachmittag des 26. Februar 2016 stehen drei Bergsteiger auf dem Gipfel des Nanga Parbat. Eigentlich sollten es vier sein, die sich bei eisigen Temperaturen auf 8.125 Metern Höhe um den dick in Daune gepackten Hals fallen. Die einschlägigen Liveticker berichten im Zehnminutentakt. Vier Bergsteiger unterhalb des Gipfels. Man liest, es seien zwei in einer steilen Eisrinne zu sehen. Einer bewege sich im felsigen Teil des Gipfelaufbaus. Um 15:37 Uhr die News: der pakistanische Alpinist Ali Sadpara hat den höchsten Punkt erreicht. Kurz darauf kommen zwei weitere Bergsteiger der Expedition, der Italiener Simone Moro und der Spanier Alex Txikon, oben an. Damit schreiben sie Alpingeschichte. Eine Gestalt scheint vor Erreichen des Gipfels wieder abzusteigen. Wo ist GORE-TEX Athletin Tamara Lunger?
MVI_4069_kleinBei ihrer Besteigung des Manaslu in Nepal im letzten Winter hat sie viel gelernt und sich die Besteigung des Nanga Parbat fest vorgenommen. „Ich bin mir fast 100% sicher, dass der Gipfel heuer im Winter bestiegen wird. Man muss eben Geduld haben und für den Traum kämpfen. Aber dazu bin ich hier!“, mailte sie mir Ende Januar aus dem Basislager des Nanga Parbat. Nun ist die Expedition zu Ende. Tamara ist wohlauf zurück in ihrer Heimat Südtirol. Sie war nicht am Gipfel des Nanga Parbat. Auf etwa 8050 Metern Höhe ist sie umgekehrt.

Drei zu Eins verloren?

Wir wissen noch nicht, was los ist. Warum trat Tamara den Rückzug an? Andreas Marmsoler, PR-Manager bei Gore, wird nervös. Natürlich hofft er auf einen historischen Gipfelerfolg „seiner“ Athletin. Aber vielmehr ist ihm klar: Umzukehren so kurz vor dem Ziel, das tut man nicht ohne triftigen Grund. Vor allem nicht Tamara Lunger. Wer sie kennt, weiß, wie zäh und unglaublich leidensfähig sie ist. „Bevor wir irgendwas kommunizieren, will ich erst wissen, ob es ihr gut geht“, ist Andis klare Ansage.

Oder Eins zu Drei gewonnen?

Wenig später sind die Meldungen auch aus dem Basislager eindeutig: Drei oben, Tamara umgedreht, alle sind zurück im letzten Hochlager auf 7.100 Meter Höhe. Große Erleichterung. Glückwünsche an Tamara und an ihre Teamgefährten! Andi, der auch aus Südtirol stammt, ist erleichtert, dass es seiner Landsfrau gut zu gehen scheint.
Der schöne Mann dort oben im Himmel hat mich einfach gern

Der Berg gehört dir eben erst, wenn du wieder unten bist – lebend und möglichst unverletzt. Wie knapp es sein kann, konnte auch Tamara erfahren. Beim Abstieg ins Camp 4 rutscht sie aus und schlittert den Berg hinunter. Mit Glück bleibt sie nach rund 200 Metern liegen, lädiert sich aber das Sprunggelenk. Auch sonst ist ihre körperliche Verfassung nicht mehr besonders gut. Sie hat Schüttelfrost, kleine Erfrierungen an den Zehen, ihr ganzer Körper schmerzt. Kurz vor ihrem Rückflug nach Südtirol stand mir Tamara für ein kurzes Interview zur Verfügung.

Geht's Dir gesundheitlich gut?
Kurze Erholungspause in der Sonne: Tamara Lunger im Basecamp
Kurze Erholungspause in der Sonne: Tamara Lunger im Basecamp

Bei meinem Sturz oberhalb von Lager 4 habe ich mir wahrscheinlich eine Bandverletzung am linken Knöchel zugezogen und mein ganzer Körper schmerzt. Am rechten zweiten Zeh habe ich eine Erfrierungsblase. Aber wie die Mama immer sagt: „Bis zum heiraten heilt das alles wieder!“. Nur dumm, dass ich das nicht vor habe :-)

Warum bist Du umgekehrt?

Mir ist es auf einmal in den Kopf geschossen: Wenn du jetzt bis zum Gipfel weitergehst, dann kommst du nicht mehr nach Hause. Das war Grund genug und ich habe auch keinen Moment an diesem Gefühl gezweifelt und habe es einfach akzeptiert.

War es eine harte Entscheidung? 

Nein, es ist einfach passiert. Ich habe 150 Meter unterhalb des Gipfels zu Simone gesagt: "Ich denke, du musst mir im Abstieg helfen!“ Aber als ich über diese Aussage nachgedacht habe, habe ich verstanden, dass das unmöglich ist. Von Lager 4 bis zum Gipfel kann man bei jedem Schritt in den Tod stürzen. Wir hatten ja keine Fixseile und auch kein Seil dabei. An eine Hilfe wäre also nicht zu denken, ich wollte auch niemanden zur Last fallen und aus eigener Kraft sicher ins Lager 4 gelangen.

Was hast Du gedacht und gefühlt, als Du die ersten Schritte talwärts gemacht hast?


Es war ganz normal, ich weiß auch nicht. Ich denke der schöne Mann dort oben im Himmel hat mich einfach gern. Er gibt mir immer dieses Gefühl von Sicherheit. Auch Sicherheit in meinem Handeln. Das Bergsteigen ist für mich ein sehr intimes Ding, ich muss es spüren, bevor ich es mache. Das ist wie bei einem Mann. Wenn die Chemie nicht stimmt, dann wird das nix. Was in diesem Fall natürlich nicht so war. Der Nanga ist schön und ein atemberaubender Berg.

Wusstest Du, dass die anderen den Gipfel erreichen werden?

Ja, das war mir klar und ich habe Ali Sadpara ja schon am Gipfel gesehen. Am Morgen war ich auch schon sicher, dass es hinhauen würde, so gut waren die Bedingungen und mein Gefühl.

Wie lief Euer Gipfelgang ab?
Harte Arbeit auf dem Weg zum Gipfel
Harte Arbeit auf dem Weg zum Gipfel

Wir sind immer alle gemeinsam unterwegs gewesen. Natürlich mit etwas Abstand, denn wir durften die dünnen Fixseile nicht überstrapazieren. Wir haben alle vier alles gegeben und uns wirklich nicht geschont. Ich habe mit Ali nach Erreichen des Lager 3 am Nachmittag noch Fixseile Richtung Lager 4 montiert, damit wir am nächsten Tag (dem Tag vor dem Gipfel) nicht mehr so viel Arbeit hatten. Von Lager 3 bis 4 haben Simone und Ali den Job verrichtet, während Alex und ich das Zelt zusammen gepackt haben. Alle haben wir unseren Beitrag geleistet für dieses gute Gelingen. Wir hatten es immer spaßig und haben uns super gut verstanden, auch wenn wir uns erst im Basislager zusammengefunden haben!

Wie war dann nach dem Gipfel euer Wiedersehen im Lager 4?

Es war ganz normal. Ich habe ihnen gratuliert, war aber gleichzeitig etwas „geschunden“ von meinem Sturz, den ich vor Lager 4 noch hingelegt habe. Ich dachte es wäre aus mit meinem schönen Leben. Dann hatte ich die ganze Nacht Schüttelfrost und fragte mich, wie ich wohl die 3000 Höhenmeter bis ins Basislager herunterkomme. Alle waren etwas k.o., aber wir haben uns gegenseitig massiert, Wasser gekocht und gewärmt. So wie es eben sein sollte!

War auch Wehmut bei Dir dabei, was ja verständlich wäre? 

Freude, nichts als Freude, auch wenn mir die historische Besteigung etwas missglückt ist. Aber da vertrau ich ganz dem Herrn im Himmel, der genau weiß, was für mich gut ist und was nicht.

Wie bewertest Du den Gipfelversuch für Dich?

Ohne jetzt überheblich klingen zu wollen, aber hätte ich mich an diesem Gipfeltag in einem für mich normalen körperlichen Zustand befunden, dann wäre das kein Problem gewesen mit dem Gipfel.
IMG_8199Aber vielleicht haben wir eben doch etwas wenig Akklimatisierung gehabt, immerhin haben Simone und ich nur ein Mal auf 6.100 Metern geschlafen, bevor wir den Gipfel versucht haben. Als dann dieser Gedanke wie ein Blitz in mein Hirn geschossen ist, habe ich ihm blind vertraut, bin ihm gefolgt und zurückgegangen. Zu schwach war ich von dem ganzen Gekotze und dem Wind. Und schon seit dem Morgen habe ich meinen Muskeln als besonders müde wahrgenommen. Was auch kein Wunder ist, wenn man vier Tage unter diesen Bedingungen zu viert auf zwei Isomatten schläft. Ich bin sogar ein bisschen stolz, dass ich jetzt zurückschauend sagen kann: Ja, ich bin glücklich über meine Entscheidung.

Bergsteigen ist für mich ein Akt vieler Gefühle und Emotionen. Nicht jeder hat immer die Stärke, seinen Eingebungen nachzugeben. Aber langfristig gesehen weiß ich, dass es mir das Leben retten wird. Alles geschieht, wie es für mich bestimmt ist. Soll etwas nicht sein, dann werde ich dieses Ziel auch nicht erreichen. Ich habe meinen Kopf, oder wie man auf Südtirolerisch sagt: „Grint“, und verfolge meine Ziele mit viel Aufwand, harter Arbeit und Hingabe. Aber in mir drin ist immer noch der ganz weiche Kern, der sich von einer anderen, sehr viel höheren Energie leiten lässt. Und für dieses Geschenk bin ich unheimlich dankbar und werde es als großen Schatz hüten und schätzen!