Jeder Lauf ist eine mentale Reise
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Interview mit dem Ultraläufer, Buchautor und Journalisten Harald Bajohr.


Harald, du hast gerade ein Laufbuch über die „30 spektakulärsten Rennen weltweit“ geschrieben. Wie viele dieser 30 Ultratrails bist du selbst gelaufen?
Faszination Ultratrail von Harald Bajohr
Faszination Ultratrail von Harald Bajohr

Ich habe an fast der Hälfte der beschriebenen Veranstaltungen teilgenommen, an manchen dafür gleich mehrfach, etwa beim „Ultra Trail du Montblanc“ (UTMB), beim „GORE-TEX Transalpine-Run“ und dem „Zugspitz Ultratrail.“ Für die anderen Events fehlte mir bislang das Kleingeld. Deshalb war Recherchearbeit gefragt, um diese Veranstaltungen hautnah beschreiben zu können. Insbesondere der Kontakt zu anderen Ultraläufern und Teilnehmern sowie zu den Veranstaltern hat mein persönliches Bild gefestigt – und meine ganz persönliche Faszination für Ultratrails beflügelt.

Ich glaube du bist der einzige Läufer, der den UTMB und den GORE-TEX Transalpine -Run in einem Jahr gelaufen ist, dazwischen lagen gerade einmal acht Tage. Wie kam es dazu?


Ich hatte damals das Glück, einen Startplatz beim UTMB zu ergattern – da diese limitiert sind, gibt man ihn grundsätzlich nicht mehr her! Zeitgleich kristallisierte sich sowohl bei mir als auch bei meiner Lebensgefährtin Gritt der Wunsch heraus, einmal gemeinsam den GORE-TEX Transalpine-Run zu bestreiten. Gesagt – getan. Natürlich konnte ich nicht abschätzen, ob eine Woche Erholungszeit ausreicht, um wieder halbwegs passabel an der Startlinie zu stehen. Die ersten zwei Tage waren wirklich eine Qual. Doch dann hatte ich mich wieder „eingelaufen“ und wir fanden unseren Rhythmus. Allerdings haben wir auf den acht Etappen kaum miteinander gesprochen, außer „Gel“, „Trinken“, „Vorsicht“. Vielleicht war aber gerade dieses nahezu wortlose Verständnis das Geheimnis unseres erfolgreichen Finish gewesen – ein unbeschreibliches Erlebnis, das einem auch in Krisensituationen im Alltag noch mehr Kraft gab.

Deinen ersten GORE-TEX Transalpine-Run hast du 2006 bestritten – und bist ihn anschließend noch fünf Mal gelaufen. Was macht diesen Lauf so besonders für dich?
Ultraläufer Harald Bajohr
Harald mit seiner Lebens- und Laufpartnerin Gritt

Der GORE-TEX Transalpine-Run ist einfach ein faszinierendes Erlebnis. Als mich 2006 Uta Albrecht von der Eventagentur Plan B zu meiner Premiere überredete, hatte ich vom Laufen in den Bergen kaum einen Schimmer. Zudem hatte ich etwas Pech mit meinem damaligen Laufpartner, der einfach schneller war und sich wenig solidarisch zeigte. Ich wollte es ein zweites Mal mit einem geeigneteren Partner versuchen – und mit mehr Erfahrung auch mehr Freude haben. Dann stand die Teilnahme mit Gritt auf dem Plan sowie mit einem meiner besten Freunde, und so ließ mich die Faszination einfach nicht mehr los. Die familiäre Atmosphäre während der gesamten Dauer des Rennens, das Leiden und die Freude in den Gesichtern, das Gefühl der Solidarität über jegliche religiöse und nationale Grenzen hinweg und natürlich die Vorstellung, die Alpen zu Fuß zu überqueren – dem Transalpine-Run kann man sich nur schwer entziehen.

Wie würdest du dich als Läufer beschreiben?

Laufen ist für mich eine Lebenseinstellung, weil jeder Lauf eine mentale Reise ist. Andere Menschen betreiben beispielsweise Yoga, ich hingegen gehe Laufen, um mich auf mich selbst zu besinnen. Mir geht es nicht um Zeiten oder Platzierungen, mir geht es um Naturerlebnisse, um Erfahrungen, um die existentiellen Notwendigkeiten. Bei einem langen Lauf – noch mehr bei einem Ultratrail – lernst du dich am besten kennen, bist reduziert auf Dinge wie Essen und Trinken, und: Gehen, die natürlichste Fortbewegung des Menschen. Natürlich habe auch ich den Ehrgeiz, die Ziellinie zu erreichen, aber die Erlebnisse unterwegs machen dein Leben aus und brennen sich in die Seele ein. Es sind unvergessliche Momente, die das Leben bereichern.

Du warst vor deiner Karriere als Ultra-Trailläufer auf Asphalt unterwegs. Hast du auch eine Marathon-Bestzeit?

Meine Marathonbestzeit bin ich vor zig Jahren in Frankfurt gelaufen. Ich hatte hart trainiert mit allem drum und dran und steuerte die 3:00 h an. Doch dann fragte ich mich unterwegs, warum ich mich eigentlich so quäle, und nahm das Tempo raus. Am Ende wurden es 3:17 h, heute eine andere Dimension für mich. Als echte Erfolge zählen da für mich eher die Mannschaftsmeisterschaft im 24 Stunden-Lauf mit dem USC Marburg oder mein dritter Platz in der Altersklasse bei den Deutschen 24-Stunden-Meisterschaften.

Was war dein bester Trail-Lauf? Was macht überhaupt einen guten Trailrun aus?

Einen besten Trail-Lauf gibt es für mich eigentlich nicht, weil wirklich jeder ein ganz besonderes Erlebnis ist. Allerdings kann man drei Rennen hervorheben: den GORE-TEX Transalpine-Run, weil er ein Teamwettbewerb ist und alleine deswegen etwas ganz Besonderes, den UTMB mit seiner einzigartigen Atmosphäre – beim Start und im Ziel in Chamonix ebenso, wie unterwegs während des Rennens; sowie der „Tor des Geants“, weil er mit seinen über 300 Kilometern in den Bergen zu den längsten und härtesten Selbsterfahrungstrips zählt. Was allen drei gemeinsam ist: eine perfekte Organisation, eine unvergleichliche Atmosphäre, einzigartige Naturerlebnisse sowie die Solidarität zwischen Läufern und allen freiwilligen Helfern.

Du läufst ja gerne die ganz langen und zähen Rennen. Wo ist das Limit? Ist dieses "immer länger, immer härter" nicht gefährlich?

Es geht immer um die Verantwortung des Einzelnen für sich selbst – unabhängig von der Länge einer Strecke. Viele unterschätzen die Anforderungen von extremen Ultratrails. Entsprechende Bildsprache in den sozialen Netzwerken über laufende Teddybären oder halbnackte Duos wie im letzten Jahr im Zuge der Berichterstattung über den GORE-TEX Transalpine-Run vermitteln ein harmloses Bild dessen, was Teilnehmer wirklich leisten müssen. Die meisten gehen dabei an ihre absoluten physischen und psychischen Grenzen. Bei 100 Kilometer-Läufen und mehr kommt die Einsamkeit hinzu, eiskalte Nächte oder gefährliche Wetterumschwünge. Da geht es dann nicht mehr nur ums Laufen, sondern um sich selbst und wie man die äußeren Umstände einschätzen kann. Die meisten Ultratrails setzen Erfahrung im Hochgebirge voraus und diese sollten sich Läuferinnen und Läufer langsam erarbeiten. Wenn sich jeder einzelne über die Risiken bewusst ist, sich selbst vernünftig einschätzen kann, keine Abstriche bei der Ausrüstung macht, mit einem solidarischen Grundgedanken an den Start geht und statt Größenwahn Demut und Respekt vor der Größe und Macht der Natur empfindet, dann sind die Gefahren kalkulier- und einschätzbar. Letzten Endes lebt jeder Sport von Emotionen, von Bildern und Geschichten. Ultratrails bieten ein grandioses Komplettpaket, wenn die Teilnehmer sich ihrer Verantwortung bewusst sind.

Du bist ja nicht nur Läufer, sondern auch und vor allem als Journalist für soq.de tätig. Ist Trailrunning ein nachhaltiger Trend – oder von der Industrie und den Medien schön geredet?
Ultrarunner Harald Bajorh

Trailrunning hat der Laufszene neuen Pep gegeben und ein neues Laufgefühl vermittelt. Die deutsche Straßenlaufszene ist konservativ, man hat sich jahrelang kaum weiter entwickelt. Mit Trailrunning eroberten plötzlich bunte Laufschuhe und schrille Bekleidung die Lauflandschaft, zeitgleich entdeckten viele Läufer ein neues Terrain und damit auch neue Ziele und neue Motivation. Trailrunning ist kein Trend, es ist ein Lebensgefühl. Das leben uns die Franzosen und Italiener par excellence vor. Während hierzulande viele Triathlon- und Laufvereine ihre Straßen- und Volksläufe organisieren, um etwas Geld in die Vereinskasse zu bekommen, ist die Organisation eines Trailruns in Deutschland mit vielen Hürden gepflastert – etwa durch Naturschutzbehörden, Forst- und Waldwirtschaft oder aufgrund privater Nutzungsrechte. Umso mehr gilt professionellen Veranstaltern ein großer Verdienst, wie etwa Plan B, die mit Events dem Bedürfnis nach Laufen abseits des Asphalts Rechnung tragen. Toll finde ich aber auch, wenn engagierte Menschen diese Hürden nehmen und entsprechende Unterstützung finden, dann sind auch Events möglich wie der „Ultra Trail Lamer Winkel“, der „Keufelskopf Ultratrail“ oder der „Chiemgauer 100.“ Ich denke, Trailrunning hat sich mittlerweile auch in Deutschland etabliert und spricht nach wie vor viele Läuferinnen und Läufer an. Da müssen die Medien nicht mehr viel schön reden, Trailrunning ist schön.

Was sind deine Lieblingsprodukte beim Trailrunning?

Ich bin ein Schuh- und Rucksackliebhaber. Meiner Ansicht nach gibt es weder den perfekten Trailrunning-Schuh noch den perfekten Rucksack. Zumindest ist mir noch keiner begegnet. Was die Schuhwahl betrifft, kommt vieles auf die Länge der Strecke und ihre Beschaffenheit an, aber auch auf das Wetter und vielleicht auch auf die Tagesform. Ähnliches gilt bei der Frage nach dem idealen Rucksack. Ich halte diesbezüglich nichts von Minimalismus. Übrigens auch nicht in der Bekleidungsfrage. Natürlich darf auch die B-Note stimmen, aber in erster Linie geht es beim Material um die Sicherheit. Selbst bei kürzeren Ausflügen in den Bergen gehört für mich wasserdichte Bekleidung zum absoluten Muss. Von Gore kommt eine neue Active-Shell … vielleicht hat die ja das Zeug zum absoluten Lieblingsprodukt.