„Man muss seiner Haltung treu bleiben, um ein guter Alpinist zu sein“ – David Lama
Von seiner Leidenschaft zum Klettern, dem Umgang mit Angst, seinem nächsten Projekt und was bei keiner Expedition fehlen darf, erzählt uns Alpinist und Kletterprofi David Lama im Interview mit Autorin Laila.


Er ist gerade auf dem Weg zum Klettern in die Schweizer Alpen, als wir uns zum Interview verabreden. Ich bin vorfreudig gespannt, einen David Lama hat man schließlich nicht alle Tage am Hörer. Es gibt wenige Menschen auf diesem Planeten, die besser klettern als der sympathische Tiroler. Er hat schon in jungen Jahren zahlreiche Wettkämpfe gewonnen und wurde als das erste Kletter-Wunderkind überhaupt gefeiert.

Hallo David! Wie geht’s dir?
Mir geht’s gut, danke! Ich genieße gerade noch die Ruhe, bevor es zur nächsten Expedition geht.

Wo geht es hin?
Nochmal zum Lunag Ri im Herbst, da sind wir schon am Vorbereiten und Planen.

Du warst im letzten Jahr schon kurz vor dem Gipfel des 6.900 Meter hohen Berges in Nepal. Es reizt dich immer noch?
Das Spannende an diesem Projekt ist die Kombination aus dem unbestiegenen Berg und der anspruchsvollen Wand. Wir haben es ja letztes Jahr schon probiert, sind weiter geklettert, als alle anderen bislang, aber eben nicht ganz hoch. Wir mussten ungefähr 300 Meter unter dem Gipfel umdrehen und somit ist das Projekt für mich noch nicht abgeschlossen.

Du wurdest bereits mit 15 Jahren zu einem der besten Freeclimber auserkoren, hast zahlreiche Titel geholt. Haben sich immer alle für dich gefreut, oder gab es auch Neider?
Eine gesunde Art von Ehrgeiz schadet im Leben generell sicher nicht. Er ist eine Art Triebfeder, um gute Leistung zu bringen, aber Neid nehme ich im Klettersport wenig war.

Du hast oft gesagt, der Cerro Torre hat dich vom Sportkletterer zum Alpinisten gemacht. Sogar Reinhold Messner war schwer beeindruckt. Was bedeutet es für dich, Alpinist zu sein?
Im Klettersport gibt es generell wenige Regeln, an die man sich halten muss, es ist viel mehr eine Frage, welche Einschränkungen man sich selbst auferlegt. Im Vergleich zum Sportklettern ist das im Alpinismus noch viel markanter, es geht – stark vereinfacht ausgedrückt – darum, wie man mit dem Freiraum umgeht, den man als Bergsteiger hat. Das hat viel mit Haltung zu tun, gegenüber dem Bergsteigen und gegenüber sich selbst. Dieser Haltung muss man schon treu bleiben, um ein guter Alpinist zu sein.
Pic: Mammut Archive - Rainer Eder
Pic: Mammut Archive - Rainer Eder
„David Lama“ und „Dalai Lama“ liegen ja gar nicht so weit auseinander, dein Vater ist aus Nepal. Gab es da bei der Namenswahl einen Zusammenhang?
Ich glaube nicht, aber dazu müsstest du meine Eltern fragen.

Trägst du als halber Nepalese buddhistische Ruhe in dir?
Das Umfeld prägt natürlich und gerade in der Kindheit bedeutet das, dass die Eltern einen großen Einfluss auf einen haben. Man kann mir also eine „buddhistische Ruhe“ zuschreiben, wenn man das möchte.

Hilft dir das, um in brenzligen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren?
Ich glaube beim Bergsteigen geht es eher darum, brenzlige Situationen zu vermeiden. Dafür muss man vorausdenken, sich die Route und die Begehung vorstellen und darf dabei nicht zu emotional sein, sondern mit einem rationalen, objektivem Blick bewerten und auch Umdrehen können.

Du giltst als Pionier einer neuen Bergsteigergeneration, vor allem, weil du vor allem für Erstbegehungen lebst. Was reizt dich so daran?
Bei Erstbegehungen geht es mir vor allem darum meine Vorstellung umzusetzen, wie man eine Route klettern kann, also auf welcher Linie und in welchem Stil. Das schöne dabei ist für mich, dass durch die Begehung die Vorstellung zur Realität wird. Man hinterlässt dabei mehr als nur ein paar Magnesiumspuren, man hinterlässt seine Idee, die sichtbar wird für andere.

Gibt es überhaupt etwas, wovor du Angst hast?
Ich bin absolut kein Freund von Schlangen.

Was war denn deine bislang größte Kletterherausforderung?
Den Cerro Torre frei zu klettern hat extrem viel von mir gefordert. Vor allem weil ich mich von meiner gewohnten Sportkletterumgebung in ein neues Gefilde gewagt habe und dabei lernen musste, als Bergsteiger zu denken.
Pic: M. Ferrigato - Red Bull Content Pool
Pic: M. Ferrigato - Red Bull Content Pool
Lange Expeditionen sind doch sehr anstrengend. Empfindest du das nicht auch als Qual?
Natürlich gibt es Momente, die zäh sind, wie etwa wenn man sich monatelang auf ein Projekt vorbereitet und dann knapp unterm Gipfel umdrehen muss, aber Klettern und Bergsteigen ist meine Leidenschaft und ich weiß, dass es für mich nichts gibt, das mich annähernd so erfüllen kann.

Was schätzt du so sehr an GORE-TEX Produkten?
Beim Bergsteigen ist es ja nicht so, dass wir eine GORE-TEX Jacke über der anderen anhaben – wir haben ein System aus verschiedenen Schichten. Die GORE-TEX Jacke ist eine Schicht, die ich immer dabei habe, weil sie so gut, wie kein anderes wasserabweisendes Material kombinierbar ist und man sich dauerhaft darauf verlassen kann, dass sie das hält, was sie verspricht.

Worauf könntest du bei keiner Expedition verzichten – Kuscheltier, Glücksbringer oder so?
An Glücksbringer glaube ich nicht und ich schlafe auch ohne Kuscheltier gut! Am wenigsten möchte ich aber auf eine „gscheide“ Schwarte Speck von zuhause verzichten.

Wo wir gerade bei Speck und Essen sind. Gibt es überhaupt Tage, an denen du mal auf der Couch liegst und Chips ist?
Grundsätzlich bin ich natürlich schon eher aktiv als passiv, aber der Kontrast zwischen einem minimalistischen Lebensstil und Komfort-Verzicht auf Expedition – und dann zuhause im Bett schlafen und richtig gut essen, das mag ich.

Wenn du nicht Alpinist geworden wärest, was wärst du heute?
Vielleicht wollte ich mal Feuerwehrmann oder Astronaut werden, aber soweit ich mich zurück erinnern kann, war Klettern das, was mich von Anfang begeistert hat. Ich wusste schnell, dass es das ist, was mich erfüllt. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Mehr über das Ausnahmetalent David Lama erfahrt ihr hier.