Mit halbherzigen Posts ist es nicht getan
Wenn es um Soziale Netzwerke geht, bezeichnet sich Stefan Glowacz als „oldschool“. In einem Interview verrät der 51-Jährige, wie er zu Facebook, Instagram und Twitter steht.


Definiert sich Stefan Glowacz als Kletterer, Marke oder Unternehmer?

Stefan Glowacz ist keine Marke. Ich sehe mich nicht als ein Produkt, sondern definiere mich in erster Linie als Sportler und Abenteurer. Natürlich bin ich mit meiner Firma Red Chili auch Unternehmer.

Wie hältst du es mit PR-Aktivitäten?

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sind für mich wichtig. Beides hat sich in den letzten Jahren extrem gewandelt. Es reicht längst nicht mehr aus, gute Ideen oder Geschichten für Print- oder Onlinemedien zu entwickeln. Man muss mittlerweile auch seine Social-Media-Präsenz voll im Blick haben. Ich arbeite daher mit Profis zusammen. Bisher waren das PR-Agenturen, neuerdings habe ich ein eigenes, kleines Redaktionsteam installiert, das sich seit kurzem auch um meine Social-Media-Präsenz kümmert.

Du bedienst Facebook also nicht selbst?

Doch, aber ich habe mir Unterstützung geholt. Social Media liegt mir nicht im Blut. Mir fehlt gewissermaßen das Content-Gen. Deshalb habe ich eine freiberufliche Redakteurin engagiert, die mich unterstützt, anleitet, gelegentlich meine Ideen ausformuliert, den besten Zeitpunkt für einen Post auswählt. Das ist ja alles eine Wissenschaft! Was die Antworten betrifft: Die bleiben komplett in meiner Hand, weshalb sie auch etwas dauern können.
Copyright: Klaus Fengler/ Red Bull Photofiles
Copyright: Klaus Fengler/ Red Bull Photofiles
Denkst du beim Klettern oder auf Expedition nun immer an deine Social-Media-Präsenzen?

Wenn ich beim Klettern einen tollen Sonnenaufgang erlebe, genieße ich den Moment und denke erst gar nicht daran, ein Foto zu machen, um es später auf Facebook zu teilen. (Lacht) Jetzt werde ich allerdings von meiner Mini-Redaktion über Whatsapp regelmäßig daran erinnert.

Was gefällt dir an Social Media?

Der unmittelbare Kontakt zur Community, die Interaktion. Mich erreichen über Facebook unterschiedlichste Anfragen. Manche Follower wollen etwas zu meinem Training oder Equipment wissen, andere bitten mich, ein paar Fragen für eine Seminararbeit zu beantworten oder ein Autogramm zu schicken. Dieser Austausch gefällt mir sehr. Außerdem kann ich über Social Media meine eigenen Inhalte veröffentlichen, ohne als Bittsteller bei einer Zeitung oder einem Magazin aufzutreten. Ich bediene mein eigenes Medium. Ich muss mich regelmäßig fragen, was ich mitteilen und transportieren möchte. Wer ist Stefan Glowacz und wofür steht er? Das Schöne an diesem Medium ist, dass ich es selbst gestalten kann.

Verfolgst du auch, was in der Kletterszene so läuft?

Klar, ganz einfach weil ich auf diesem Weg aktuelle Informationen aus erster Hand erhalte. Wer ist gerade wo auf Expedition unterwegs? Wer ist verletzt? Was tut sich in der Szene? Bis ich Inhalte dieser Art aus Zeitungen oder Magazinen erfahre, sind die Dinge ja schon längst rum.
Stefan Glowacz zusammen mit Robert Jasper und Klaus Fengler auf Baffin Island.
Stefan Glowacz zusammen mit Robert Jasper und Klaus Fengler auf Baffin Island.
Seitdem Kollege Chris Sharma Vater geworden ist, postet er häufig Bilder seiner Tochter und Ehefrau. Diese Bilder werden - ähnlich wie imposante Kletterfotos - tausendfach geliked. Warum sieht man auf deinen Accounts wenig Privates?

Ich gehöre einer Generation an, die nicht mit dieser Offenheit aufgewachsen ist. Für mich gibt es auf Social Media klare Grenzen. Mag sein, dass die Community an Familienfotos interessiert wäre, aber das kommt für mich nicht in Frage. Ich bin bereit, gelegentlich Einblicke in mein Privatleben zu gewähren, will aber nicht alles preisgeben.

Skifahrer Felix Neureuther präsentiert sich im Netz amüsant, erfrischend und unterhaltsam. Er postet lustige Urlaubsfotos, jeder Fan kennt seinen Hund Buddy. Ist Storytelling dieser Art Hype oder der Heilige Gral?

Wie sich Felix auf Social Media präsentiert, ist großartig und sympathisch. Nun ist das alles aber auch eine Altersfrage. Genau darum geht es ja: gute Inhalte zu finden, die zu einem passen. Dass Chris Sharma einer der besten Kletterer und Felix Neureuther ein großartiger Skifahrer ist, weiß jeder, der ihnen folgt. Über Social Media erfahren die Fans mehr. Der Blick hinter die Fassade ist extrem reizvoll, Homestories im weitesten Sinne sind daher schon relevant. Hype oder Heiliger Gral – Social Media Arbeit ist mittlerweile für jeden Profisportler Pflicht.

Alex Honnold erreicht alleine über Instagram 420.000 Menschen. David Lama folgen auf Facebook 110.800 Menschen. Mit 22.500 Followern auf Facebook ist Kletterlegende Glowacz eher ein Nachzügler. Wie gehst du damit um?

Gelassen. Natürlich ist es interessant zu sehen, wie erfolgreich manche Athleten auf Social Media vertreten sind. Was meine persönliche Reichweite betrifft, mache ich mir wohl Gedanken, aber ich verbiege mich nicht für 10.000 weitere Fans.
Copyright: Klaus Fengler/ Bilderberg
Copyright: Klaus Fengler/ Bilderberg
Wäre Facebook für Reinhold Messner und Wolfgang Güllich seinerzeit ein gutes Medium gewesen?

Wolfgang Güllich war nicht nur der beste Kletterer seiner Zeit, er hat diesen Sport maßgeblich geprägt und vorangetrieben. Güllich hatte Relevanz, weil er sich positioniert und mitgeteilt hat. Ich kann mir daher gut vorstellen, dass er über Social Media Stellung bezogen hätte. Seinem Freund Kurt Albert hingegen war das alles wurscht. Dem ging’s nur um’s Klettern. Im Alpinismus war Reinhold Messner relevant. Nicht etwa ein zurückhaltender Loretan. Menschen, die polarisieren und eine Meinung vertreten, werden stärker wahrgenommen. Adam Ondra bringt sicher das Klettern in eine neue Dimension, aber er gibt gedanklich (noch) wenig von sich.

Sind Followerzahlen die neue Währung für Sponsoren?

Mit Sicherheit. Wenn einer wie Honnold alleine auf Instagram 400.000 Follower aufweist, dann ist das eine unglaubliche Macht, die er als Sprachrohr, als Kommunikator besitzt. Ein sogenannter Influencer ist für Partner aus der Industrie extrem interessant.

Fordern Partner wie Red Bull, BMW, Marmot oder Gore eine gewisse Reichweite?

Nein. Meine Partner arbeiten seit vielen Jahren mit mir zusammen. Würde ich allerdings gar nicht auf Social Media vertreten sein, wäre das sicher problematisch.
Copyright: Klaus Fengler
Copyright: Klaus Fengler
Deutschsprachige special interest Magazine wie Alpin, Bergsteiger, Klettern oder Climax haben eine Auflage von ca. 30.000 Exemplaren. Dir folgen auf Facebook aktuell 22.500 Fans. Sind Printartikel in diesen Medien für dich als Sportler überhaupt noch wichtig?

Natürlich sind mir diese Veröffentlichungen wichtig. Was reine News betrifft, bin ich aber nicht mehr ausschließlich auf diese Medien angewiesen. Da reicht ein Post auf Facebook. Mit meinen 22.500 Fans komme ich annähernd an die Auflagen der Magazine ran, was natürlich ein Vorteil ist. Auf meinen eigenen Kanälen kann ich Inhalte gezielt steuern und viel aktueller sein.

Glaubst du an Printmedien?

Ich bin selbst Herausgeber eines Printmagazins. Mit Allmountain bestreiten wir einen sehr hochwertigen Weg: interessante Themen, spannende Hintergrundberichte, gut recherchierte Stories, hochwertig bebildert, grafisch gut aufbereitet. Ich bin mir sicher, dass sich Qualität durchsetzt. Gute Printmedien werden noch lange überleben.

Was sagen deine 20-jährigen Drillinge zu deinen Social-Media-Aktivitäten?

Sie verfolgen meine Aktivitäten und sind ernstzunehmende Ratgeber, da sie mit diesen Medien aufgewachsen sind. Ein guter Social-Media-Auftritt erfordert authentische Inhalte und die richtige Sprache. Eine, die zu mir passt. Ich bin keine 20 mehr. Den richtigen Stil zu finden, ist die hohe Kunst in den sozialen Medien.