Premierenshow der European Outdoor Film Tour: Vom Leiden, Scheitern und Finden
Große Bühne, großes Event und große Gefühle: Am 5. Oktober startete die EOFT 2016/17, präsentiert von GORE-TEX und Mammut. Bereits zum 15. Mal haben sich die Macher auf die Suche nach den besten aktuellen Outdoor-Filmen gemacht – ein Blick hinter die Kulissen.


eoft1617premiere_jsn_6021_mrStößchen! Einen Sprizz oder Hugo zum Auftakt in München ist nicht verkehrt. Überall bekannte Gesichter, ja servus, hallo, was machst du denn hier? Blöde Frage: Entweder man interessiert sich für Outdoor-Filme oder man ist irgendwie mit der Outdoor-Branche verbunden, sei es als Mitarbeiter einer Ausrüstungsfirma oder als Journalist. Die European Outdoor Filmtour (E.O.F.T.) Premiere hat sich zu einem Fixtermin im Kalender entwickelt, zusätzlich zu den Messen. Im Gegensatz zu diesen Business-Veranstaltungen wird bei der E.O.F.T. jedoch weniger über das Geschäft geredet, sondern über das, weswegen immer noch viele der Anwesenden überhaupt in der Branche tätig sind: Die Leidenschaft für den Sport, für die Berge und fürs Draußen sein.

Das ist schön und außerdem haben die Gespräche immer ein definiertes Ende: Der Gong ruft das Publikum zu den Plätzen, das Licht geht aus, die Show beginnt.

„Mountains win.“

David Lama, sicher einer der besten Alpinisten unserer Zeit, ist das Gesicht der E.O.F.T. 2016/17. Der Film über seine Expedition zum bisher unbestiegenen Fast-Siebentausender Lunag Ri in Nepal machte den Anfang. David war zusammen mit der amerikanischen Bergsteiger-Legende Conrad Anker unterwegs. Doch das sehr ungleiche Duo – Conrad ist mehr als doppelt so alt wie David – scheiterte am Berg. Lag es an der Fehlinformation der Kameraleute, welche den Alpinisten eine nicht zutreffende Position am Berg durchgaben? Oder an eigenen taktischen Fehlentscheidungen? Interessant an den aktuellen E.O.F.T -Filmen ist die Tatsache, dass sie nicht nur schöne Bilder liefern, sondern auch Randaspekte und Hintergründe thematisieren, die bisher von Linse und Skript ausgeklammert wurden: Eine selbstreflektierende Sicht auf die Rolle der Medien, die Entstehung einer Idee oder die persönliche Sichtweise treten in den Vordergrund und brechen die in früheren Filmen oft aseptisch-glatte Präsentation der Sporthelden auf. „Was haben wir falsch gemacht? Wir haben uns überschätzt.“ Aus perfekten Stars werden nahbare Menschen. Conrad Anker spricht es aus: „Mountains win.“


Auch eine weitere Bergexpedition erreicht ihr Ziel, den höchsten Berg Myanmars, nicht. Aber alle Bergsteiger kommen wieder gut nach Hause. Einem Basejumper war dies nicht vergönnt. Davon handelt ein weiterer Streifen. Dieser gut inszenierte wird mit seinem schwierigen Thema beim Publikum garantiert für kontroverse Diskussionen sorgen!

Geht es ums Gewinnen oder Verlieren?

Doch bei allem Scheitern kann daraus auch die Idee und die Motivation für neue Unternehmungen entstehen. In Kürze macht sich David Lama zusammen mit Conrad Anker noch einmal auf nach Nepal. „Das Team hat funktioniert“, sagt David. Das hört sich nicht nach Scheitern an, auch wenn die beiden beim ersten Versuch nicht ganz oben auf dem Lunag Ri standen.

David Lama sprach über seine herausfordernde Expedition auf den nepalesischen Lunag Ri.
David Lama sprach über seine herausfordernde Expedition auf den nepalesischen Lunag Ri.
Sorgten für einige Lacher: Die Crew von "Dodos Delight"
Sorgten für einige Lacher: Die Crew von "Dodo's Delight"
Für den Mountainbiker Harald Philipp ist Gewinnen oder Verlieren kein Thema. Für ihn zählt das ureigenste persönliche Erleben, der Flow. Natürlich geht es darum, eine Linie gefahren zu sein. Stürzen kann fatal sein und ist darum meist nicht erlaubt. Aber die Kategorien, in denen gedacht wird, sind andere. Es geht einfach darum, einen guten Tag zu haben und wortwörtlich zu erfahren, was persönlich möglich ist. Ähnlich verhält es sich bei der – im Gegensatz zum eher introvertierten David Lama – sehr lustig-extrovertierten Crew rund um Favresse-Brüder: Sie avancierten zu den Stars des E.O.F.T.-Premierenabends und lieferten im Anschluss an ihren absolut sehenswerten Film eine kleine Jam-Session auf der Bühne ab. Sie rissen das Publikum mit und mancher dürfte am nächsten Tag mit dem Song „Dodo's Delight“ im Ohr aufgewacht sein.



Quasi gescheitert an seiner To-Do-Liste ist auch der Protagonist des letzten Premierenfilms: Jérémie Heitz wollte innerhalb von zwei Jahren 15 Steilwände in den Alpen befahren. Letztlich hat er elf geschafft. Gut, der Film heißt „La Liste“. Äh, warum eigentlich? Bei diesen Bildern, dieser Freude und diesem unglaublichen skifahrerischen Talent stellt man sich solche Fragen nicht. So gesehen kann Scheitern Spaß machen. Mit feuchten Händen, vielleicht feuchten Augen und positiv sehnsüchtig aufgeladen geht man nach der Show an die Bar auf einen Absacker.