Die Eiger Nordwand ist die wohl berühmteste Bergwand der Welt. Und keiner kennt sie so gut wie Robert Jasper.


Bei gutem Wetter sieht man von den Hügeln des Südschwarzwalds die Schweizer Berge. Die weltbekannten Gipfel des Berner Oberlandes stehen aufgereiht am Horizont: Schreckhorn, Mönch, Jungfrau, und mittendrin der bekannteste von ihnen: der Eiger. Wenn Robert Jasper von seiner Wohnung in Schopfbach, einem kleinen Weiler der Nähe von Lörrach, nach Süden blickt, hat er den Eiger immer vor Augen. Egal ob das Wetter gut oder schlecht ist oder eine Fichte die Sicht versperrt: Robert weiß genau, wo der Berg steht. Es sind 120 Kilometer Luftlinie, 180 Kilometer mit dem Auto und rund zweieinhalb Stunden bis zu dem dunklen Zacken, der Robert so in seinen Bann gezogen hat.
Dr. Eiger
Kein Fotograf in Sicht: Roberts Selfie in der Nordwand

2015 hat er ein Buch geschrieben über seine Passion, den Eiger. Genauer gesagt: über die Nordwand des Eigers. Diese Wand ist fraglos die berühmteste Bergwand der Welt. Jeder kennt sie. Oder meint sie zu kennen. So wie man die Queen, Elvis oder Edward Snowden kennt. Man hat schon viel drüber gelesen. Aber wer hat ihnen jemals die Hand geschüttelt oder war mit ihnen ein Bier trinken? Eben. Ich glaube, Robert Jasper interessiert sich nicht so sehr für die Queen, und ich bin mir nicht sicher, ob ich es hören möchte, wenn er einen Elvis-Song intoniert. Aber beim Thema Eiger, da macht ihm keiner was vor. Er kennt den Berg und seine Nordwand wirklich. Und zwar richtig, so gut wie sonst niemand. Seine Augen bekommen einen speziellen Glanz, wenn er von dem Berg, dem Nimbus, den Klettereien dort und seinen Erlebnissen erzählt. Da muss man ihm einfach zuhören.

Die große Liebe

Zur Eiger Nordwand hegt Robert eine lange, innige Beziehung. Er hat mit ihr geflirtet, da war er gerade mal 17, er hat sich alleine in die riesige Wandflucht gewagt und sie auf 15 verschiedenen Wegen durchstiegen. Zusammen mit anderen Seilpartnern und sogar im Alleingang hat er neue Routen eröffnet und die schwierigsten Linien frei geklettert. Da kommen mehrere Rekorde zusammen. An einem Berg, von dem viele nicht mal wissen, dass er auch noch andere Seiten als hat als die nach Norden. Aber Rekorde sind dem Mann nicht wichtig.

„Die Alpen sind für mich der Ort, wo ich Abenteuer vor der Haustür erleben kann. Und die Eiger Nordwand ist die markanteste Wand der Alpen, an einem der schwierigsten Berge der Alpen. Das ist DIE Wand schlechthin. Mythisch.“ Robert bringt es auf den Punkt. Hast Du eine Lieblingsroute? Ein eindeutiges Nein ist die Antwort. Robert hat einfach Freude an dem, was er tut. Die Leidenschaft für den Eiger war von Anfang an da. Als junger Kletterer hat man Träume, die von Berichten großer Abenteuer großer Bergsteiger genährt werden. Die Heckmair-Route, die Nordwand, die Faszination dieser Wand: Generationen von Kletterern wurden davon inspiriert, noch heute steht die Eiger Nordwand bei sehr vielen ganz oben auf der Liste. So wie für 4000er-Hobbybergsteiger der Mont Blanc ein Highlight ist und für Once-in-a-Lifetime-Prestige-Hascher das Matterhorn oder der Everest die Trophäen schlechthin sind, ist für ambitioniertere Alpinkletterer die Eiger Nordwand DAS Ding. So war es auch für den jungen Robert Jasper. Doch als er einstieg, bekam er vom Berg gleich eine Klatsche: Rückzug.

Abenteuer ist, wenn man nicht weiß, ob was geht oder nicht


Damals hat er – mit Hilfe seiner älteren Seilgefährten – gelernt, was es heißt, keine unnötigen Risiken einzugehen. Das prägt und hilft dabei, die Sturm-und-Drang-Phase zu überleben. Danach ging's aber Schlag auf Schlag: Zuerst die Heckmair-Route. „Hat ganz gut geklappt, und dann hab ich gemerkt, dass da Träume offen sind. Relativ schnell kam der Traum, das Sportklettern in hohen Graden und Alpinismus zusammenzubringen – auch in der Eiger Nordwand.“
Der offene Ausgang ist es, was Robert reizt, wenn er von Abenteuern spricht. Vielleicht war das die erste und wichtigste Lektion, die er bei seiner Eiger-Premiere gelernt hat: Umdrehen ist Teil des Spiels. „Darum geht es an der Grenze zwischen unmöglich und möglich, die Unwägbarkeiten mit Eis, Wetter, brüchigem Fels.“ Ein offener Ausgang meint aber nicht Leben oder Tod. So weit geht Robert nicht. Er ist Profi, kein Hasardeur.

Ein Pionier auf den Spuren der Pioniere

Aber warum immer wieder Eiger? Ein spezieller Moment war für Robert sein Treffen mit Anderl Heckmair: „Da sitze ich mit dem zusammen, der das erste Mal da durch ist, vor über 60 Jahren! Und er fragt mich mit leuchtenden Augen nach meinen Routen in der Nordwand aus. Das war etwas ganz Besonderes für mich.“
Nicht wenige Bergsteiger, die die berühmte Wand durchstiegen haben, vertreten im Gegensatz zu Robert den Standpunkt: einmal und nie wieder. Für Normalbergsteiger gilt das sowieso meistens, da sie in der wenigen Zeit, die ihnen zum Bergsteigen bleibt, lieber viele verschiedene Touren unternehmen. Robert hingegen lebt vom Bergsteigen, er wird von mehreren Firmen unterstützt (auch von Gore), und er könnte sich auch woanders austoben, sich weltweit auf die Suche nach vertikalem Neuland begeben. Das macht er auch. Aber fast noch lieber schielt er auf seine Lieblingswand: „Berühmte Routen in einem freien Stil zu klettern, das war und ist die große Herausforderung. Ich frage mich: Warum haben das andere noch nicht probiert? Ich habe dann immer das Gefühl, da ist noch was offen. Wenn ich eine neue Linie entdecke und klettere, ist das toll. Aber sich in eine Historie einzureihen und hier ein neues Kapitel aufzuschlagen, das Buch sozusagen weiterzuschreiben, ist fast noch befriedigender. Man kann historisch schauen, wo man steht, wandelt auf den Spuren derer, die Pionierarbeit geleistet haben.“

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Dr. EigerWenn man die Geschichten von Robert liest und ihm zuhört, bekommt man sofort Lust, nach Grindelwald zu fahren. Und mal einzusteigen in die Nordwand. Es klingt alles so leicht, so positiv. Ist es das? Es sind Leute in den Biwaks erfroren, mussten gerettet werden, viele haben es nicht überlebt. Robert, was war dein übelstes Erlebnis mit dem Berg? Er erzählt von Basejumpern, die mit geschlossenem Fallschirm unten einschlugen oder von anderen Seilschaften, bei denen es knapp wurde. Aber bei ihm selbst? Keine üblen Erinnerungen. Und was war das Beste am Eiger? „Eigentlich sind alle Tage intensiv, alpenweit hab ich die besten Tage sicher am Eiger gehabt. Das ist eine andere Welt. Und 1999 hab ich mit meiner Frau Daniela die „Symphonie de Liberté“ geklettert. Das war ein ganz besonderer Moment und für mich der Schlüssel zum Freiklettern im unteren zehnten Grad in einer großen Nordwand.“

Dass Robert unbeschadet aus den ganzen Abenteuern heimkommt, verdankt er seinem Können, seiner Planung, dem Wetterbericht und seiner Ausrüstung. Natürlich wird er gesponsert. Und das aus gutem Grund, schließlich reizt er seine Ausrüstung voll aus: „In einer Wand wie am Eiger kletterst du oft durch kleine Wasserfälle, Schmelzwasser, Eisfelder. Eine Regenjacke ist schlichtweg unerlässlich, sonst überlebst du das nicht. Nässe ist das schlimmste, was passieren kann. Wenn du drin nass bist, unterkühlst du. Dann kannst du nix mehr machen. Auch beim Biwaksack, der sollte wasserdicht und atmungsaktiv sein. Auch wenn du die Eiger Nordwand gut kennst: Bei einer 1800 m hohen Wand kann wettermäßig und auch sonst so viel passieren, egal wie schnell und gut du bist.“