Slackliner Friedi Kühne: Balanceakt am Limit
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Immer höher, immer weiter, immer spektakulärer – kaum ein anderer Sport entwickelt sich derzeit in seinem sportlichen Anspruch so rasant wie Slacklinen.


Die Weltrekorde beim Highlinen, Longlinen oder Waterlinen werden in immer kürzeren Abständen nach oben geschraubt, die Tricks auf der Slackline immer anspruchsvoller und die Locations, an denen die Athleten ihre Line spannen, immer spektakulärer. Einer, der in der Szene derzeit ganz vorne mitmischt, ist „Friedi“ (Friedrich) Kühne aus München. Der 26-jährige Red Fox-Athlet ist ein absoluter Grenzgänger – auch, wenn er sich dabei schon mal eiskalte Füße holt. Wir haben mit Friedi gesprochen.

Wie bist du zum Slacklinen gekommen? Du sagtest einmal in einem Slackline-Film, du warst früher ein typisches Kind, das ständig vor der Glotze saß oder Comics gelesen hat.

Das ist richtig. Ich war damals recht verträumt und habe mich vor größerer körperlicher Anstrengung gerne gedrückt. Gott sei Dank haben meine Eltern mich dennoch immer wieder − obwohl ich manchmal ziemlich widerspenstig war − auf Bergtouren oder zum Skifahren mitgenommen. Über Skateboarden, Basketball und Trampolin kam ich dann irgendwann zu Parkour, Freerunning und Klettern und entwickelte eine immer stärkere Leidenschaft für Natur, Berge und körperlich-koordinative sowie mentale Herausforderungen. Als ich dann 2009 während eines Klettertrips in Italien am Strand zum ersten Mal das Slacklinen ausprobierte, war es um mich geschehen. Heute bin ich wahrhaftig süchtig danach und kann mir ein Leben ohne Berge, Highlinen und Adrenalin nicht mehr vorstellen.
Pic: Valentin Rapp
Pic: Valentin Rapp
Slacklinen scheint dich ja richtig gepackt zu haben. Was genau macht den Sport für dich so reizvoll?

Man kann sich einerseits auspowern und zudem kreativ und spielerisch sein. Beim Laufen von besonders langen Slacklines reizt mich vor allem der meditative Aspekt. Man konzentriert sich nur auf sein eigenes Gleichgewicht, die Schwingungen in der Slackline und das Zusammenspiel zwischen dem eigenen Körper und dem gespannten Band. Man achtet auf das Atmen und versucht, die Umgebung völlig auszublenden. Dabei gerät sämtlicher Alltagsstress in Vergessenheit. Highlinen ist ungelogen das beste Gefühl, das ich kenne. Es trennen einen nur 2,5 Zentimeter Band vom Fliegen. Das ist ein unglaublicher Adrenalinkick und man fühlt sich extrem lebendig. Außerdem bringt einen das Highlinen stets an neue, spektakuläre Orte und man verbringt viel Zeit in der Natur. Und dann natürlich der Spaß in der Gemeinschaft. Ich habe durch das Slacklinen unzählige Freunde in verschiedensten Ländern kennengelernt. Man lernt voneinander, kommt in fremden Städten immer auf irgendeiner Couch unter und verbringt gemeinsam unvergessliche Stunden am Lagerfeuer.

Du hast vor Kurzem am Heiligkreuzkofel (2907m) in den Dolomiten eine spektakuläre Highline erstbegangen und sie „Eisfüße“ genannt. Sind deine Füße inzwischen wieder aufgetaut? 

Haha, ja das sind sie. Kurzzeitig hatte ich aber wirklich Bedenken. Auf den letzten Metern während der Erstbegehung konnte ich meine Zehen überhaupt nicht mehr spüren. Da wird einem schon ein bisschen mulmig. Mit Schuhen wäre das Balancieren aber noch erheblich schwieriger gewesen und ich hatte nur zwei Versuche.
Friedi in schwindelerregender Höhe auf der Highline "Eisfüße". Pic: Quirin Herterich
Friedi in schwindelerregender Höhe auf der Highline "Eisfüße". Pic: Quirin Herterich
Bei Minusgraden und eiskaltem Wind auf einem vereisten, 2,5 Zentimeter breiten Band barfuß 26 Minuten in höchster Anspannung über dem tiefen Abgrund zu balancieren, wirklich nur Spaß für dich oder schon auch Stress?

Es gibt schon Momente, wie eben der, als mir die Füße fast abgefroren wären, in denen man sich fragt, was das Ganze eigentlich soll. Momente, in denen die Anstrengung, der Stress und die Zweifel überwiegen. Doch genau wie in jedem Berg- oder Extremsport gehen diese Momente vorüber und das Durchhalten wird mit einem unfassbaren Glücksgefühl belohnt. Den ganzen Stress und Aufwand, der mit dem Highlinen einhergeht, nehme ich gerne in Kauf für diesen Moment des Glücks. Und es ist wirklich unfassbar viel Aufwand, vor allem bei alpinen Projekten. Jede Minute, die ich da draußen durch die Luft balanciere, ist für mich unbezahlbar.

Wie gehst du mit Kälte prinzipiell um? Winter- oder eher Sommertyp?

Ich bin auf jeden Fall eher ein Sommertyp. Es macht einfach mehr Spaß, wenn man das T-Shirt beim Slacklinen auch mal weglassen kann. Auch für den Rest des Teams ist es im Sommer angenehmer, denn es kann ja immer nur einer auf die Highline. Außerdem ist das Schlafen unter freiem Sternenhimmel einer meiner persönlichen Lieblingsaspekte des Slacklines und das kommt im Winter eher selten vor. Nichtsdestotrotz will ich natürlich auch in den kalten Monaten nicht auf das Slacklinen verzichten. Da gilt dann einfach der Spruch: „There is no such thing as bad weather, only bad clothes.“
Pic: Valentin Rapp
Pic: Valentin Rapp
Jetzt hast du mit Red Fox erstmals einen Ausrüster, der dich mit hochfunktioneller Bekleidung ausstattet. Hast du schon ein Red Fox-Lieblingsteil?

Die X6 GORE-TEX Storm Hardshell, die ich auch auf der Highline in den Dolomiten anhatte, taugt mir extrem. Die Dreilagen-Jacke ist dank GORE-TEX PRO Ausstattung total wasser- und winddicht, aber atmungsaktiv und ziemlich strapazierfähig. Sie ist perfekt zum Highlinen. Die Jacke wiegt nicht viel und lässt mir sehr viel Bewegungsfreiheit in den Armen, die ich ja brauche, um mein Gleichgewicht zu halten.
Pic: Quirin Herterich
Die X6 GORE-TEX Storm Hardshell von Red Fox schützt Friedi beim Slacklinen in den Dolomiten. 
Die Bekleidung schützt Dich zumindest vor Wind und Wetter, ansonsten hängt dein Leben beim Highlinen an der Leash (Sicherungsseil). Die lässt du aber auch des Öfteren mal weg. Warum? Free Solo ist sehr umstritten.

Die Leash ist beim Highlinen, genau wie das Seil beim Klettern, dafür da, einen aufzufangen, falls man sein Gleichgewicht verliert, einem die Kraft oder Konzentration ausgeht. Das ist gut so und absolut sinnvoll bei Anfängern wie auch bei Profis. Ich würde niemals irgendjemandem empfehlen, ungesichert auf eine Highline zu steigen. Dennoch laufe ich selbst manchmal Highlines auch ohne Sicherung. Aber ich mache das nur für mich und laufe nur solche Längen, die weit innerhalb meines Könnens liegen und die ich vorher schon sehr viele Male mit Leash gegangen bin. So wie auch bei meinem Free Solo Weltrekord im August in Kanada. Ich bereite mich da extrem intensiv darauf vor. Free Solo ist eine sehr persönliche Entscheidung, die jeder für sich treffen und für die man selbst Verantwortung übernehmen muss. Das Gefühl, sich selbst so zu vertrauen, das Leben komplett in die eigene Hand zu nehmen und sich somit von sämtlicher Abhängigkeit zu lösen, ist unglaublich. Fakt ist, es macht mich glücklich und ich empfinde dabei keinerlei Angst.
Du studierst neben Englisch auch Mathe auf Lehramt. Ist Free Solo ein kalkulierbares Risiko für dich und denkst du dabei auch über deine Vorbildfunktion für junge Slackliner nach?

Das Risiko ist nicht nur kalkulierbar, sondern sogar nur von einer einzigen Variable abhängig: den eigenen Fähigkeiten. Und diese kann ich schulen und verbessern, indem ich die Highline immer und immer wieder laufe und somit das Risiko immer weiter minimiere. Natürlich bleibt ein Restrisiko, auch wenn man noch so viel trainiert. Wie in jedem Sport kann man sich hier, um es mathematisch auszudrücken, der Null nur annähern. Allerdings birgt der Alltag meiner Meinung nach viel größere Risiken und über die zerbricht sich auch keiner groß den Kopf. Die Highline-Community ist sehr überschaubar und gut vernetzt und nahezu alle wissen, wie viel Übung und langjährige Erfahrung hinter meinen Free Solo Begehungen stecken. Deshalb glaube ich nicht, dass irgendein Anfänger mal eben einfach ungesichert auf eine Highline steigen wird.

Nun gut, Free Solo ist, wie du sagst, deine persönliche Entscheidung und die muss ich ja nicht gut finden. Ich hoffe sehr, du verkalkulierst Dich nie. Gibt es trotzdem einen Punkt für dich, wo du sagst, du hörst auf damit?

Ja, den gibt es. Wenn ich eines Tages ein Kind habe, ist Free Solo für mich sofort zu Ende, auch wenn es noch so viel Spaß macht.
Pic: Valentin Rapp
Was sind deine nächsten Pläne, dein sportlicher Traum in der Zukunft?

Ich will jetzt mein Studium beenden und mich dann voll und ganz auf das Slacklinen konzentrieren. Pläne und Träume gibt es viele, von neuen Highlinetricks und Weltrekorden, bis zu Lines in Alaska und am Machu Picchu und einigen bisher noch geheimen Projekten. Mein größtes Ziel ist, meine eigenen Grenzen immer weiter auszuloten und dabei niemals den Spaß auf der Line sowie mit meinen Freunden zu vergessen.