„Stonecircle“: Robert Jasper über den Reiz einer Solo-Expedition


Mit 20 ist man Revoluzzer. Die Welt, wenigstens die eigene, wird umgekrempelt, neu gedacht, alles steht einem offen (was auch immer das heißt). Mit 30 hat man dann viel gelernt, Erfahrungen gesammelt und die Weisheit mit Löffeln gefressen. Man schließt langsam die Tür und wird konservativ (was auch immer das heißt). Dann mit 40 hat man die Midlife Crisis überwunden, man ist angekommen und Inspiration für kurze Abstecher in die große weite Welt findet man im Aida-Katalog. Mit 50 erreicht man den Höhepunkt der Karriere (was auch immer das heißt). Man denkt an die wohlverdiente Rente und wie schön das wird...

Bei Robert Jasper ist das etwas anders. Zwar (r)evolutionierte er in jungen Jahren mit außergewöhnlichen Leistungen das Bergsteigen und setzte Maßstäbe vor allem beim Eis- und Mixed-Klettern. Aber mit 30 tat er dasselbe. Mit 40 auch. Und mit 50? Da brach er zu einer Solo-Expedition nach Grönland auf. Faltkajak statt Aida, Eismeer statt Infinity-Pool und Millionen-Sterne-Zelt statt Five Star Ressort. Über vier Wochen war Robert im Sommer 2018 alleine unterwegs, paddelte 50 Kilometer übers Meer, trekkte 50 Kilometer zu einem Berg und stieg solo auf einer neuen Route durch eine 450 Meter hohe, steile Granitwand.

Geht's noch extremer? Was macht der Mann dann mit 60?

Robert ist sich all die Jahre treu geblieben. Dabei hat er sich ständig weiterentwickelt in dem, was er kann. Was er will. Wie er was macht. Mit seiner letzten Expedition hat sich für Robert  ein Kreis geschlossen, was ihn zu „Stonecircle“ inspiriert hat, wie er seine neue Route durch die Südwestwand des Molar Spire genannt hat. Der „Steinkreis“ steht metaphorisch auch für die gesamte Expedition. Sie war eine runde Sache: Anreise, Kletterabenteuer, Rückweg, aus der Zivilisation in die Einsamkeit und zurück, mit der Felswand als Beginn der Idee, als Zentrum von Roberts Leidenschaft und als Erfüllung seiner Träume.

Wir haben uns mit Robert über das Alleinsein in der Wildnis unterhalten und wollten mehr darüber erfahren, wie man so eine Unternehmung plant und durchzieht.

TEIL 1: Robert und „Stonecircle“

Was ist Abenteuer für Dich?

Abenteuer ist, wenn der Ausgang offen ist, wenn man nicht sicher weiß, ob was geht oder nicht. Nur so kann man aber Neuland erschließen. Man muss etwas wagen. Natürlich will man, dass es klappt. Die Herausforderung ist es, möglichst genau zu planen, damit man sein Ziel erreicht. Aber letzten Endes bleibt das Unwägbare, das ein Scheitern möglich macht. Umdrehen ist Teil des Spiels.

Du hast neulich Deinen 50. Geburtstag gefeiert. Du hast zwei fantastische Kinder und eine tolle Frau. Warum bricht man mit 50 dann alleine zu einer solchen Tour auf?

Schon immer habe ich von großen Abenteuern geträumt, war auf vielen Expeditionen rund um den Globus unterwegs und habe in den Alpen z.B. die Eiger und Matterhorn Nordwand solo geklettert. Ganz allein mit dem Seekajak in die Wildnis Ost-Grönlands loszuziehen um eine Bigwall-Erstbegehung zu klettern und wochenlang unterwegs zu sein, das war die absolute Herausforderung für mich und in dieser Region ein Novum. Dazu brauchst Du sehr viel Erfahrung und einen kühlen Kopf, das habe ich mir erst jetzt zugetraut.

Was macht den Reiz einer Solo Expedition aus?

Für mich ist der Alleingang die Königsdisziplin. Natürlich ist es mit guten Freunden viel lustiger und auch entspannter, auf Expedition unterwegs zu sein. Solo ist aber die Herausforderung an dich selbst am größten. Mir ging es darum, persönliche Grenzen auszuloten und zu verschieben, Neuland zu betreten. Wenn du ein solches Projekt allein angehst, musst du alle Aufgaben, die normalerweise ein Team bewältigt, alleine unter einen Hut bekommen. Es gibt keine Aufgabenteilung, da bist du von früh bis spät ganz schön am rödeln.

 

Roberts tägliche To Do Liste:

  • Schlafplatz suchen, der einigen Kriterien entsprechen muss: eben, hochwassersicher, geschützt und trotzdem offen (wegen Eisbären), Wasser vorhanden?
  • Packen und Schleppen der gesamten Ausrüstung, die normalerweise auf mehrere Schultern verteilt wird (Zelt, Kocher, Seile, Kletter-Hardware, Eisbärzaun, Gewehr, Solarpanels, Bohrmaschine...)
  • Zelt aufbauen, Eisbärzaun aufstellen, Schlafplatz herrichten
  • Kochen, ggf. Schnee schmelzen
  • Wache halten und Schlafen
  • Material sortieren, Sicherheitscheck
  • Wegsuche und Routenplanung
  • Kommunikation und Dokumentation (Fotografie und Filmen)

Was war bei dieser Reise besonders anders und prägend für Dich?

Allein vom letzten Ort der Zivilisation loszupaddeln, die gesamte Ausrüstung für 4 Wochen an Bord, das war schon ein spezielles Gefühl, wie wenn man unterwegs ist in eine andere Welt. Es war hart, mit den Ängsten klar zu kommen und den Plan einer neuen Route durch einen der Bigwalls zu verfolgen. Es lief gut nach Plan – oder besser gesagt: Mit meiner Erfahrung konnte ich den ursprünglichen Plan immer so anpassen, dass alles funktionierte. Wichtig für mich war, der Gefahr ins Auge zu schauen und das Risiko zu kalkulieren. Gefahren, das waren zum Beispiel Steinschlag, Eisbären, Wetter, Wellen; also einfach Dinge, die man nicht vorhersehen kann, aber man kann sich darauf vorbereiten. Als ich dann schlussendlich meine neue Route geschafft hatte und auf den Gipfel stand, war das unbeschreiblich schön.

Warum bist Du genau zu diesem Berg gereist?

Ich hatte mir das Ziel gesetzt, solo eine neue Route durch eine große, abgelegene und schöne Felswand zu erschließen und rotpunkt zu klettern. Auch An und Abreise wollte ich "by fair means" machen, also aus eigener Kraft und ohne Unterstützung vom letzten Ort der Zivilisation aus. Vor ein paar Jahren lernte ich einen Schotten kennen, der auf Grönland lebt. Wir haben uns unterhalten und so entstand die Idee für diese Expedition. Ich war das erste Mal in Grönland unterwegs und kannte die Berge nur von der Landkarte und ein paar Fotos. Grönland ist bekannt wegen der einmaligen Natur,der großen Einsamkeit und der spektakulären Bergwelt, das versprach mir ein riesen Abenteuer zu werden. Als ich die Granitnadeln des Fox Jaw Cirque dann das erste Mal aus 80 Kilometer Entfernung von meinem Seekajak am Horizont auftauchen sah, wusste ich: Das ist es! Es

könnte klappen mit einer Erstbegehung!