Tamara Lunger: Die Königin der Kühnen im Interview
In Nepal, wo Tamara erst im Juni eine Expedition beendet hat, kennt sich Tamara sich besser aus als in den höchsten Alpenbergen. Und so war es eine Premiere, als sie Ende Juni die Alpine Academy besuchte, die vom GORE-TEX Partner Arc'teryx jedes Jahr in Chamonix ausgerichtet wird. Dort sind wir mit ihr über Gletscher gewandert und haben uns auch in aller Ruhe mit ihr unterhalten.


Tamara, Du warst noch nicht auf dem Dach Europas, aber auf den Dächern der Welt. Wie kommt's?

Tamara Lunger: Ich brauche einfach die innere Ruhe und die Freiheit, von der ich immer gemeint habe, sie nur auf den Dächern der Welt zu finden. Aber die letzte Expedition hat mir leider gezeigt, dass es auch dort nicht mehr so ist. Deshalb wird meine Zukunft auf einsamen Bergen und in Basislagern ohne Personen sein.

Während der Alpine Academy stand man auf dem Grat auf die Aiguille du Midi oft im Stau. Hat's dich genervt?

Tamara Lunger: Um ehrlich zu sein: JA! (lacht) Aber am Ende des Tages ist es dann doch wieder eine Freude, weil man einfach sieht, wie happy und fröhlich die Leute zurückkommen von den Clinics.
Tamara (links) hatte viel Spaß auf der Arc'teryx Alpine Academy.

Von Nepal nach Chamonix, mit Umweg über Deine Heimat, das Latzfonser Kreuz (wo es manchmal auch sehr von Touristen bevölkert ist): Sind das Kulturschocks für Dich oder bist Du das gewöhnt?

Tamara Lunger: Nein, da hab ich mich dran gewöhnt. Wenn ich aus dem Flieger aussteige, bin ich wieder zuhause und dann weiß ich, jetzt geht’s wieder los mit dem ganzen Stress, der halt so da ist.

Wie war die Academy insgesamt für Dich?

Tamara Lunger: Hat mir sehr gut gefallen, das ist eine tolle Veranstaltung und extrem abwechslungsreich. Was mir am besten gefallen hat: Wie motiviert die Leute alle sind, auch wenn das Wetter vielleicht mal nicht so gut ist und es stürmt und schneit und kalt ist. Aber sie haben Lust, was zu lernen und was zu machen, was sie in Zukunft umsetzen können und sie in den Bergen weiterbringt.

Du hast mehrere Clinics mit betreut. Konntest Du selbst auch noch was lernen?

Tamara Lunger: Ja klar. Die ganzen Seilmanöver ändern sich ja ständig. Heuer hab ich zum Beispiel wieder was Neues gelernt, wo der Bergführer gesagt hat, das ist jetzt ganz neu rausgekommen. So hab ich mal wieder ein gutes Update gekriegt. Und ab und zu kann man den Bergführern nebenbei was abschauen.

Was unterscheidet das alpine Chamonix-Bergsteigen vom Himalaja-Bergsteigen?

Tamara Lunger: Puh. Ich glaube, da gibt’s nimmer recht viele Unterschiede. Weil im Himalaja geht’s leider Gottes auch bald so zu. Der Unterschied ist halt, dass im Himalaja Sauerstoff und Sherpase verwendet werden, was hier zum Glück ja noch nicht passiert (lacht). Aber es sind ganz andere Massen am Weg. Ich weiß jetzt nicht, was ich bevorzugen würde: Den Everest mit tausend Leuten im Basislager oder Aiguille du Midi mit keine Ahnung wie viel hundert Bergsteigern, wo man auf dem Grat schon mal eine Stunde verliert, um überhaupt in die Weite der Gletscher dort oben zu kommen.

In Chamonix zahlen die Leute über 60 Euro für eine einzige Fahrt auf die Aiguille du Midi. Wie viele Helikopter Flugminuten könnte man dafür in Nepal bezahlen?

Tamara Lunger: Puh, das ist etwa eine Minute mit dem Hubschrauber. Die Stunde kostet um die 5000 Dollar.

Du unterstützt die Hilfsorganisation Friends of Nepal (FoN), die sich unter anderem um Helikoptertransport in Nepal kümmert. Welche Beziehung hast Du zu FoN?

Tamara Lunger: Ich vertraue den FoN zu hundert Prozent, weil das auch die Chefitäten von unserer Agentur sind (Cho Oyu Trekking), mit der wir jede einzelne Expedition organisieren. Das ist eine langjährige Zusammenarbeit und gegenseitiges Vertrauen. Deswegen weiß ich, dass alles, was dahin gespendet wird, auch sicher ankommt. Das ist jetzt auch nicht so, dass sie dann entscheiden, was mit den Geldern gemacht wird, sondern wir sind da frei und haben Mitspracherecht. Da der Simone Moro ja auch seine eigene Hubschrauberfirma in Nepal hat, kommt extrem viel Know-How zusammen und man spart sich viel Verwaltungsaufwand. Die Entscheidungen über die Destinationen, wo geholfen wird, und wie geholfen wird, können schnell getroffen und umgesetzt werden.

Das Geld wird direkt an FoN gespendet und die können damit dann zum Beispiel Hubschrauberflüge bezahlen, um Hilfsgüter in entlegene Dörfer zu transportieren oder um Mütter, die bei der Geburt Probleme haben, einen Flug in ein Krankenhaus zu organisieren, den sie sich ja eigentlich nie leisten könnten. Mit unserem aktuellen Charity-Projekt hoffen wir, dass möglichst viele mitmachen und wir möglichst viel Geld zusammenbekommen, um dort ein bisschen was bewegen zu können.
Tamara unterzeichnet einige der Zeichnungen, die über ihre Kangchenjunga Expedition angefertigt wurden.

Verrätst Du uns was zu deinen nächsten Projekten?

Tamara Lunger: Die nächsten Projekte wünsch ich mir niedriger und einsamer. Vielleicht gibt es noch eine Ausnahme, wer weiß. Warten wir's mal ab.

 

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