Teil 1: „Meine Glückseligkeit an der Grenze zum Tod“ ein Buch über Tamara Lunger
Tamara Lunger, Mitglied des GORE-TEX Athleten-Teams, hat gemeinsam mit Co-Autor Francesco Casoli ihr erstes Buch geschrieben. In „Meine Glückseligkeit an der Grenze zum Tod“ schildert die Alpinistin aus Südtirol ihren Werdegang auf 255 Seiten. Das hochwertig bebilderte Buch erscheint im Athesia Tappeiner Verlag und ist ab sofort im gut sortierten Buchhandel erhältlich. Ich habe es gelesen und erzähle – ohne zuviel zu verraten – in drei Teilen davon.


Kindheit und Jugend

Wer sich für Bergsport interessiert, kennt natürlich den Namen Tamara Lunger. Die 31-jährige Südtirolerin, die in Gummer, einem kleinen Dorf oberhalb von Bozen als älteste von drei Schwestern aufgewachsen ist, hat sich längst einen Namen in der Alpinisten-Szene gemacht. Man weiß von ihren Achttausender-Erfolgen am Lhotse (2010) und K2 (2014), hat vergangenes Jahr bei der Winterbesteigung des Nanga Parbat mitgefiebert und im Frühjahr 2017 den gescheiterten Versuch einer Kangchendzönga-Überschreitung in den Medien mitverfolgt.

Der deutsche Titel „Meine Glückseligkeit an der Grenze zum Tod“ und sein Untertitel „Traum und Albtraum auf den höchsten Bergen der Welt“ mutet im Gegensatz zur schlichten italienischen Fassung des Buches „Ich, die Achttausender und das Glück“ doch etwas reißerisch an. Dennoch: ich freue mich auf das Buch. Zu selten liest man von starken Frauen in der Männerdomäne Bergsteigen. Was treibt Tamara Lunger wohl an? Wie ist sie aufgewachsen? Woraus schöpft die junge Alpinistin ihre enorme Kraft, um es auf den höchsten Bergen der Erde nach ganz oben zu schaffen?


Kaum habe ich die ersten Seiten gelesen, wird mir klar, was man vor Beginn der Lektüre als Leser inständig hoffte: Hier erzählt eine junge, ambitionierte Frau und Sportlerin mit sehr viel Feingefühl, Emotion und Liebe zum Detail. Und so beginnt das Buch mit einem Geständnis, dass man von einer so starken Alpinistin nicht erwartet hätte. Tamara gibt ein zentrales Thema in ihrem Leben zu. Kurioser Weise ist das Schwäche.

Die Überwindung dieser Schwäche versteht die Alpinistin im Rückblick, vor allem in jungen Jahren, als eine Art Lebensziel und zugleich Triebfeder. Heute teilt die Südtirolerin auf ihren Expeditionen mit namhaften Alpinisten, wie etwa Simone Moro, inmitten der Todeszone ohne weitere Berührungsängste den beschränkten Platz in einem engen Zelt. Als kleines Mädchen jedoch, gesteht Tamara, hatte sie regelrecht Angst vor Männern.


Mit einer Ausnahme natürlich! Ihren Vater, der in seiner knapp bemessenen Freizeit erfolgreich Mountainbike- und Skitourenrennen bestreitet, verehrt die älteste von drei Geschwistern und definiert ihn u.a. als ihr sportliches Vorbild. „Wie besessen auf sportliche Aktivitäten“ beschreibt sich Tamara als Teenager. Sie findet nicht nur Gefallen am Aktiv- und Draußensein, sondern entdeckt ihre körperliche Leistungsfähigkeit als wahren Schatz. Ihre Fitness beflügelt die Sportlerin, dient als Bestätigung und lässt Lunger über die Jahre nicht nur dickköpfig und extrem ehrgeizig, sondern vor allen Dingen selbstbewusst werden.

Bereits in jungen Jahren misst sich Tamara Lunger liebend gerne und überaus erfolgreich mit der Konkurrenz. Beim Berglaufen, in der Leichtathletik beim Diskuswerfen und später bei Wettkämpfen im Skibergsteigen landet Lunger fast immer auf dem Siegertreppchen. 2008 die Krönung: Lunger wird Weltmeisterin im Skibergsteigen. Erste Knieprobleme treten beim Snowboarden bereits im Alter von 13 Jahren auf. Schmerzen, die ihr Leben verändern werden, begleiten die Sportlerin bis heute.

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Diente Papa Hansjörg Lunger unter anderem als „kämpferisches“ Vorbild – seine vier Mädels tingelten über Jahre in einem VW-Bus durch die Alpen, um den ambitionierten Hobbysportler jeweils am Wochenende bei Wettkämpfen zu begleiten – übernimmt die als überaus liebevoll, aufopfernd und auf herrlich natürliche Art als spirituell beschriebene Mutter eine bis heute tragende Rolle in Tamaras Leben.

Sie ist ein „Fels in der Brandung“ und hält die Familie zusammen. Das Geld ist anfangs knapp bei Lungers. Trotzdem fehlt es den Kindern an nichts. Glücklich und sorglos wächst Tamara Lunger an der Seite ihrer zwei jüngeren Schwestern Magdalena und Katharina auf. Als Älteste wird Tamara früh zur Selbstständigkeit gezwungen. Ihre damals sehr junge Mutter Margareth arbeitet nämlich in einem Gasthaus als Bedienung und muss die Kinder gelegentlich alleine lassen. 1999 übernehmen Lungers Eltern schließlich die Schutzhütte Latzfonserkreuz in den östlichen Sarntaler Alpen.

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Einfühlsam beschrieben erfahre ich an vielen Stellen des Buches, das eifrig Zeitsprünge im Erzählen macht, von der außerordentlich engen Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Auf Mamas Rat legt Tamara Lunger bis heute großen Wert. Mehr noch: Sie ist, wie man später im Buch erfährt, eine Art virtueller Seilpartner, ein unsichtbarer, aber enorm wichtiger „Begleiter“ auf Expedition. In kritischen Situationen, und davon gibt es reichlich in Lungers Abenteuerwelt, hilft oft nur noch eines: Ein Anruf daheim, nur für ein paar Minuten wenigstens mit Mutter sprechen.

Tamara Lunger ist 15 Jahre alt und auf dem Weg zu den Leichtathletik-Meisterschaften in Desenzano am Gardasee, als sie in einer Tageszeitung folgende Headline liest: „Manuela di Centa erreicht als erste Italienerin ohne Sauerstoff den Everest“. Lunger verschlingt den Artikel und sagt sich: „Das will ich auch einmal machen!“