TEIL 2: „MEINE GLÜCKSELIGKEIT AN DER GRENZE ZUM TOD“ EIN BUCH ÜBER TAMARA LUNGER
Tamara Lunger, Mitglied des GORE-TEX Athleten-Teams, hat gemeinsam mit Co-Autor Francesco Casoli ihr erstes Buch geschrieben. In „Meine Glückseligkeit an der Grenze zum Tod“ schildert die Alpinistin aus Südtirol ihren Werdegang auf 255 Seiten. Der zweite Teil handelt von ihrer Leidenschaft für die Achttausender.


Leidenschaft Achttausender

Bis zum Jahr 2009 nimmt Tamara Lunger sehr erfolgreich an Wettkämpfen – Leichtathletik, Trailrunning und Skibergsteigen – teil. Starke Knieschmerzen zwingen die junge Sportlerin schließlich dazu, den Leistungssport an den Nagel zu hängen. Es folgen „dunkle Tage mit vielen Tränen“, unzählige Sitzungen bei Orthopäden, Schmerztherapeuten und eine Art Sinnsuche. Was bleibt: Die Liebe zur Bewegung, zum Draußensein und zur Natur. Lunger betreibt natürlich weiterhin viel Sport, misst sich jedoch nur noch gelegentlich und aus purem Spaß mit der Konkurrenz.

Ein paar glückliche Zufälle bzw. Fügungen gibt es freilich auch im Leben der Alpinistin. Zum Abiturientenball lädt Tamara Lunger, welche das Sportinternat in Sterzing besucht hat, ihre ehemalige Turnlehrerin aus der Mittelschule ein: Barbara Moro. Sie wird an diesem feierlichen Abend von Ehemann Simone begleitet. Dem berühmtem Bergsteiger aus Bergamo ringt Tamara im kurzen Gespräch ein Versprechen ab: Sie irgendwann einmal nach Nepal mitzunehmen. Lunger ist 22 Jahre alt, als sie auf Facebook seinen Account entdeckt und Moro folgende Kurznachricht schreibt: „Ich bin Tamara, die Schülerin von Barbara. Wann nimmst du mich denn mit nach Nepal?“


Ein paar Wochen später folgt die ersehnte Antwort: „Hallo Tamara, du kannst im September an unserer Cho-Oyu-Expedition teilnehmen.“ Völlig aus dem Häuschen sagt die damals 22-jährige Südtirolerin ohne lange zu überlegen zu. Jedoch kommt alles anders als geplant. In der Akklimatisationsphase erhält das internationale Team um Simone Moro die Nachricht, dass China alle Grenzübergänge nach Tibet gesperrt hat. Ohne auch nur in die Nähe des Berges zu kommen, tritt man 2009 die Rückreise an. Umsonst war das Unterfangen allerdings nicht. Im Gegenteil: Lunger, die sich in frühen Jahren als beinahe „sportsüchtig“ beschreibt, hat in der Vorbereitungsphase mit dem 6200 Meter hohen Island Peak ihren damals höchsten Berg bestiegen, erstmals in einem Basislager gelebt, sich dort sehr wohlgefühlt, in das Expeditionsleben hineingeschnuppert und angesichts der Bergiganten in der Abgeschiedenheit eine nie dagewesene Zufriedenheit bzw. einen bisher unbekannten Seelenfrieden erfahren: Genau das ist es! Die hohen, schwierigen Berge sind es, die Lunger fortan reizen.


2010 erfüllt sich für Lunger mit dem Erreichen des Lhotse-Gipfels der große Traum vom ersten Achttausender. 2014 gelingt ihr unter Verzicht von Flaschensauerstoff die Besteigung des K2, einem der anspruchsvollsten Berge überhaupt. Ohne zu viel zu verraten: Lungers Erlebnisse und Eindrücke am Berg sind derart bewegend, lebhaft und zugleich einfühlsam erzählt, dass man als Leser phasenweise glaubt, neben ihr im Hochlager im Zelt zu kauern bzw. in der vereisten Steilwand unmittelbar hinter hier im Seil zu hängen.


Für mich durchaus nachvollziehbar erklärt Lunger u.a., wie es sich anfühlt in einen Berg verliebt zu sein, sie gesteht andererseits ihre Hilflosigkeit und das daraus resultierende Scheitern in festen Beziehungen, weil sie – ganz egoistisch – momentan noch bedingungslos dem Ruf der hohen Berge folgt. Man erfährt von tragischen Ereignissen, Abstürzen von Freunden, Leichen am Wegesrand und einem tiefen Glauben an Gott, den Lunger in schwierigen Situation über Zwiegespräche oft um Rat bittet.

Und so nimmt das Buch mehr und mehr an Fahrt auf und gipfelt in der Schilderung des bisher wohl größten Abenteuers der Allrounderin: Dem Versuch, gemeinsam mit Simone Moro im Winter des Jahres 2016 den Nanga Parbat über die Diamir-Nordflanke zu besteigen. „Ich weiß gar nicht, warum ich überhaupt den Mut hatte daran zu denken, dass ich gerne den Nanga Parbat im Winter besteigen möchte. Immerhin wurde dies fast 30 Jahre lang versucht und das von den weltbesten Bergsteigern.“

Moro ist längst mehr als ein Mentor Lungers: Mit dem Alpinisten, der Ende Oktober 2017 seinen Fünfziger feiern wird, verbindet Lunger mittlerweile eine tiefe, kumpelhaft-väterliche Freundschaft, mit allem was zu so einer intensiven Beziehung eben dazugehört: Streit, geteilte Freude, Zwistigkeiten und gemeinsam erlebte Hochgefühle.

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Das monatelange Unternehmen Nanga Parbat, an dem Lunger schließlich knapp unterhalb des Gipfels den Rückzug antritt und im Abstieg abstürzt, während Moro ganz oben steht, liest sich wirklich wie ein Krimi. Als Moro und Lunger nämlich die ursprünglich geplante Route schweren Herzens verwerfen und sich über die Kinshofer-Route dem Team um Daniele Nardi, Alex Txikon und Ali Sadpara anschließen, gerät die Situation vorübergehend völlig aus dem Ruder.