Weekend Warriors in steilen Rinnen
Befahrungen steiler Couloirs mit Skiern sind nur bei perfekten Bedingungen und entsprechender Vorbereitung möglich. Autor Sebastian Huber konnte nach langem Warten ein lang gehegtes Projekt von seiner Wunschliste streichen.


Wir berufstätigen Weekend Warriors müssen geduldig sein: wenn man Montag bis Freitag im Büro sitzt, ist es noch schwerer planbar, anspruchsvolle Unternehmungen am besagten Tag (wohl oder übel eben nur Samstag oder Sonntag) durchführen zu können.
Das Wetter, die Lawinenlage, der Schnee, familiäre Verpflichtungen (bzw. eben gerade mal keine), die richtige Ausrüstung sowie die Tourenpartner müssen passen - all das zur gleichen Zeit. Das macht die Durchführung solcher selbstgesteckten Ziele ziemlich schwierig.


Mitte Februar war es an einem Sonntag endlich soweit und wir konnten endlich ein lang gehegtes Projekt von der Wunschliste streichen. Die Nordrinne der Kesselspitze (2728m) in den Stubaier Alpen geisterte schon länger durch meinen Kopf, bisher hatte es nie geklappt. Zwar stand ich letztes Jahr bereits einmal an der Einfahrt, aber alleine und ohne Seil musste ich keinen Gedanken an eine Befahrung verschwenden. So blieb diese Rinne auch vorerst ein Projekt.
Besagtes Couloir ist keine Erstbefahrung, keine Expedition in unbekannte Gegenden, und keine Superlative, aber eine großartige Abfahrt, die 2009 von David Lama eröffnet wurde - keine halbe Stunde von zuhause entfernt.


Nun gut, so ganz ohne Familien-Logistik startete besagter Sonntag dann doch wieder nicht: Ski, Seil, Helm, Karabiner, Rucksack, Felle, essen, trinken, Sonnencreme, Pieps - alles war gepackt, aber zuerst musste die Family zum Bahnhof gebracht werden, von wo es zur Oma ging. Ich lief dann vom Bahnsteig schnellstens zum Auto und fuhr in Richtung Maria Waldrast bei Matrei am Brenner. Meine kinderlosen Kumpanen waren zu dem Zeitpunkt schon im Aufstieg, wodurch ich die „Ehre“ hatte, 45min aufholen zu dürfen. Dafür konnte ich mir das Spuren sparen.


Die 1200 Höhenmeter von der Ochsenalm bis zum Gipfel hatten jeden ins Schwitzen gebracht, was sich am Gipfel aber recht schnell ändern sollte. Einerseits trieb uns der Wind direkt in unsere GORE-TEX Jacken, andererseits fröstelte es uns, da der Blick in die Nordrinne dann doch ziemlich respekteinflößend: 1700m Abfahrt, maximale Steilheiten über 40 Grad, zwei obligatorische und ein wahrscheinlicher Abseiler und ein Finale durch den Wald warteten auf uns.


All die „Hard-Facts“ waren uns im vornherein bekannt, der erste Schwung in die Nordwand kostete aber wie immer ein wenig Überwindung, jeder war bedeutend ruhiger und konzentrierter geworden als noch am Gipfel oder während des kurzweiligen Aufstiegs. Als Anstifter und Ideengeber dieses „Ausflugs“ hatte ich die Ehre, die ersten Turns zu fahren und die Abseilstellen zu finden. Der Schnee war durch die gesamte Rinne immer griffig, nie eisig, die Haken an den Abseilstellen alle noch vorhanden und die Landschaft, die Tiefblicke in der Rinne und bis zum Talboden einzigartig. Dolomiten-Feeling vor der Haustür! Zwischen steil aufragenden Felswänden in Richtung Tal zu fahren ist etwas ganz Besonderes, was sich mit „normalem“ Freeriden kaum vergleichen lässt. Nichts desto trotz, stürzen sollte man in solch steilen und engen Rinnen besser nicht.


Unser schlauer Plan im Anschluss den Skibus zu nutzen, mit der Gondel von Mieders aufzufahren und nach 150m Anstieg wieder über den Sattel zu den Autos an der Ochsenalm zu fahren, scheiterte aber dann doch. Selbst schuld, wenn man nur ein Seil dabei hat, dauert alles etwas länger - und somit kamen wir dann aus dem Wald, als die Bahn eh schon längst nicht mehr lief. Ein paar Bettel-WhatsApp-Nachrichten später erbarmte sich ein Freund, brachte uns ein verspätetes Gipfelbier und uns zurück zu den Autos.

Tatsächlich: das Gute liegt so nah. Wenn man warten kann.
Fotos:

Lukas Krista
Tom Süsskoch
Sebastian Huber